Walfänger, Huren und Piraten

Wer vor 200 Jahren in die Bay of Islands (Neuseeland) segelte und im heutigen Russell (Beitragsbild) anlandete, war mit Sicherheit kein romantischer Schöngeist. Zunächst gab es hier nur eine kleine Maori-Siedlung namens Kororareka. Berichten der James-Cook-Expedition entnahmen Seefahrer, dass man an dieser Stelle einen tollen Ankerplatz vorfände mit ausreichend Tiefgang. Nach Monaten auf See – wie die englischen und amerikanischen Waljäger – musste man irgendwann an den Schiffen dringende Reparaturen durchführen: Taue erneuern, Masten reparieren, Löcher flicken, Planken austauschen und natürlich die Nahrungsvorräte auffüllen. Neben solchen vergleichsweise leichten Arbeiten hatten die Schiffsbesatzungen Landgang und Freizeit. Da interessierte “mann” sich natürlich für die netten Maori-Mädchen und sprach kräftig dem Alkohol zu.

In seinem Buch “Versuche über die Geschichte des Menschen” schrieb Henry Home 1783: “Die Weiber von Neuseeland sind sowohl keusch als auch sittsam. In der Reisebeschreibung des Leutnants Cook wird erzählt, dass er einige von ihnen nackend angetroffen, da er Seekrebse suchen wollen; und dass sie sich sehr geschämet hätten, in diesem Zustand vor einem Fremden zu erscheinen.” (S. 204) Das änderte sich: Zum üblichen Handelsgut gehörten einige Jahrzehnte später in Kororareka neben Schweinefleisch, Gemüse, Fisch, Flachs und Süßwasser auch Frauen.

Die kleine Maori-Siedlung wuchs in wenigen Jahren zum ersten “Handels- und Vergnügungszentrum” Neuseelands heran, mit europäischer Prägung. Es sprach sich im Pazifik herum, dass der kleine Ort einiges zu bieten hatte und noch dazu weder Gesetze noch Polizei das “Vergnügen” behinderten. Kororareka wurde zum “Hellhole of the Pacific” (Höllenloch des Pazifik), als geflohene Sträflinge von Australien, desertierte Marineleute, Piraten, Schmuggler und Schnapshändler den Hafen anliefen um “aufzutanken” bzw. ihn zu versorgen. Es lässt sich denken, dass es hier nicht nur gemütlich und gewaltfrei abging, was sogar die britische Regierung zunächst davon abhielt, sich in Neuseeland weiter zu engagieren.

Die heimischen Maori müssen von den Europäern auch einen “interessanten” Eindruck bekommen haben, der jedenfalls nicht dazu führte, an eine Welt ohne Kriege zu glauben. Der Maori-Häuptling Hongi Hika nutzte die auf einer Europa-Reise 1820 – teilweise persönlich vom britischen König Georg IV. erhaltenen – Geschenke, um noch auf der Rückreise in Australien Schusswaffen zu kaufen. Diese wurden umgehend im Kampf um die Vorherrschaft in Neuseeland eingesetzt und dezimierten konkurrierende Maori-Stämme in vielen Auseinandersetzungen der 1820er Jahre. Treppenwitz der Sache ist, das Hongi Hika 1828 an den Folgen einer Schussverletzung starb.

An den Konflikten konnten auch die mittlerweile in Russell “stationierten” ersten christlichen Missionare nicht viel ändern. Im Gegenteil wurden die Kriege immer makabrer, denn die anderen Stämme benötigten nun auch Gewehre und Pistolen zur Verteidigung und bezahlten diese mit Schrumpfköpfen ihrer Feinde, wodurch der Druck sich zu bewaffnen weiter zunahm. Diese Zeit ist als “Schrumpfkopfaffäre” in die britischen Annalen eingegangen. Der Druck auf die britische Krone, den rechtsfreien Raum Neuseeland zu beseitigen, nahm zu.

1830 wurde Russell zum Schauplatz des sogenannten Mädchenkrieges, als sich zwei Maorimädchen um die Gunst eines wohlhabenden Walfangkapitäns stritten. Der Konflikt eskalierte und es kam erneut zu blutigen Kämpfen zwischen den Stämmen der Mädchen, die hunderten Maori das Leben kosteten, bevor der Konflikt von Missionaren geschlichtet werden konnte.

1833 wurde James Busby durch den Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales (Teil des heutigen Australiens) mit dem Titel eines “British Resident” ausgezeichnet und in die Bay of Islands entsandt. Seine Aufgabe sollte es sein, die Interessen der wenigen Siedler zu schützen und aufkeimende Konflikte möglichst friedlich zu lösen. Sein Fachwerkhaus wurde auf einem Hügel direkt gegenüber dem “Höllenloch” Kororareka errichtet, am gegenüberliegenden Ende der Bucht. Aber Busby war ein “Papiertiger”, hatte weder Polizei, Soldaten, noch eine Verwaltung unter sich. Er musste sich ganz auf seine eigenen diplomatischen Fähigkeiten verlassen, was wahrscheinlich genau so leicht war wie es heute wäre, in einer Kneipe der Hells Angels selbige durch Worte vom Motorradfahren abbringen zu wollen, da der Lärm die Nachbarn störe. Die Maoris nannten ihn einen “man of war without guns”, einen Kriegsherrn ohne Waffen – wahrscheinlich nicht, ohne dabei mitleidig zu grinsen.

Dennoch gelang mit seiner Erfahrung und Hilfe 1840 ein Meilenstein in der neuseeländischen Geschichte – die Unterzeichnung des Vertrags von Waitangi ( Haka in Waitangi). Man überlegte kurz, Kororareka zur Hauptstadt der neuen Kolonie zu machen. Das berüchtigte Dorf erschien aber selbst den Militärs zu unsicher und man gründete oberhalb des Hafens, sozusagen zwei Straßen weiter, kurzerhand einen neuen Ort namens Russell. Russell war von 1840 bis 1843 die erste Hauptstadt Neuseelands.


© Rechte am Beitragsbild: Sids1 from New Zealand, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, bearb. v. Ekrim 24.06.2021

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.