Steinreich und beliebt

Verbreitet in Mikronesien war das Steingeld („ray“), das sind runde Steinscheiben mit einem Loch. Je größer und schwerer so ein Stein, desto wertvoller. Entscheidend an den „Geldsteinen“ war dabei das Loch in der Mitte, welches die eigentliche, kunstfertige Arbeitsleistung repräsentierte. Auf der Südseeinsel Yap wird das Steingeld heute noch für besondere Anlässe als rituelles Zahlungsmittel verwendet. Im Nationalmuseum in Auckland kann man mehrere solcher Steinscheiben betrachten, die wie kleine Mühlsteine aussehen.

Das Thema finde ich spannend, schon mal philosophisch. Denn dass ein Loch einen Wert garantiert, erscheint einem Europäer erstmal absurd. Ein Loch ist ja per se erstmal ein Nichts. Wie kann ein Nichts Tauschwert zertifizieren? Wobei ja der Stein um das Loch den eigentlichen Tauschwert bemisst – solange er eben ein Loch umgibt – ohne Nichts mit Rand wäre es halt nur ein wertloser Stein.

Ein Bitcoin ist ja auch ein physisches Nichts, wie das Loch im Steingeld. Hier wird eine rechnerische Leistung erbracht, statt einer handwerklichen. Eine Arbeitsleistung, die an sich keinen Nutzen, keinen Gebrauchswert hat. Das Bitcoin ist sozusagen Steingeld ohne Stein, ein nur errechnetes Loch. Wobei so ein Steingeld-Loch etwas sympathisch Verlässlicheres hat, denn es existiert weiter, auch wenn der Strom abgestellt wird. So ein Stein ist ja etwas sehr Handfestes und das wertgebende Loch gibt es nur mit umgebendem Stein.

© Bildrechte: Ekrim 2012, mit freundl. Genehmigung durch Te Papa

Stein-Kleingeld

Zu einem Loch gehört per definitionem ein Rand, so logisch, wie es eben keinen unbegrenzt großen Punkt gibt. Und der Rand ist beim Steingeld ganz schön schwer, das Zahlungsmittel wird fast zur Immobilie. Die wertvollsten Geldsteine waren so schwer, dass man gleich mehrere Träger fürs Shopping brauchte – in diesem Fall nicht für die Einkaufstüten, sondern fürs Bargeld. Eine Stange wurde durch das Loch geschoben, da ließen sich dann auch gleich mehrere der bis zu 4 Meter breiten Scheiben „auffädeln“ …

Wer sich die Träger nicht leisten konnte oder wollte, ließ den Stein, wo er war und erklärte einfach, dass dieser jetzt jemand anderem gehörte. Leute, die große Geldsteine in mehreren Dörfern besaßen, waren recht beliebt. Sorry, das kann ich mir praktisch nun gar nicht vorstellen ohne eine Bürokratie, welche die Geldstein-Eigentumsrechte dokumentiert und verwaltet und ohne Steingeld-Bezugsscheine, womit wir schon beim stein- (statt gold-)gebundenen Papiergeld wären oder bei vorbörslichen Steinzertifikaten. Wie das die Mikronesier ohne Schrift hingekriegt haben sollen, ist mir ein Rätsel. Es gab wohl ein ganzes Sammelsurium, von vielen Yap-Familien mündlich überlieferter Steintausch-Regeln, auf die man sich verlassen konnte wie auf die blockchain.

Klar, dass es keine Diebstähle gab, denn Diebe sind ja Leute, die gerade ohne Arbeit reich werden wollen und Steingeld im Gewicht von mehreren Zentnern nach Hause zu rollen, widerspräche dieser Grundhaltung. Der Diebstahl wäre anstrengender, als fürs tägliche Leben zu arbeiten. Aber es hätte ja gereicht, das Eigentum an einem Geldstein einfach für sich zu reklamieren, wenn es nichts Schriftliches darüber gab. Wenn sich zwei nicht einigen konnten, wurde dann der Geldstein im Sinne eines Vergleichs geteilt? Das hätte nicht funktioniert, denn halbe Löcher gibt es schließlich nicht und somit wären zwei halbe Geldsteine einfach wertlos geworden, da ihnen nun das Wert garantierende Loch gefehlt hätte. Eigentlich gar nicht dumm, diese ganze Steingeldwirtschaft.

Ich habe von einem Amerikaner (David Sean O’Keefe) gelesen, der es – wahrscheinlich im Rahmen falsch verstandener Entwicklungshilfe – den Insulanern 1871 leichter machte, ihr Steingeld herzustellen. Er brachte Werkzeuge zur Fels-Durchlöcherung mit und beschleunigte den Transport der Scheiben von einem entfernten Steinbruch in die Dörfer. Die Folgen waren schweißtreibend für alle Steingeldleute, denn plötzlich war so ein Geldstein nur noch einen Bruchteil wert von ehedem und es mussten viel mehr und viel größere Steine bewegt werden, wenn man etwas kaufen wollte.

Ich hätte mich jetzt näher dafür interessiert, wie die Leute aus Yap, also die Yapaner sozusagen, die Inflation besiegt haben, ohne auf den Fortschritt des optimierten Löcherbohrens zu verzichten, aber darüber liest man wieder nichts. Dabei hätten wir daraus vielleicht für Euro- und Verschuldungskrise und Kryptogeld etwas lernen können. Jedenfalls haben sie Herrn O’Keefe nicht mit Schimpf und Schande davon gejagt, der blieb noch bis 1931 ein angesehener Mitbürger. So ähnlich, wie der (selbsternannte) Erfinder des Bitcoin, Satoshi Nakamoto, der aber wohl ganz bewusst, zu seiner Sicherheit, ein Pseudonym gewählt hat.

© Rechte am Beitragsbild: Ekrim 2012, mit freundl. Genehmigung durch Te Papa

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