Treibgut bekehrte die Guanchen

Bei stürmischer See war 1393 irgendwo im Atlantik eine außergewöhnliche Madonnenfigur über Bord gegangen und wurde schließlich an felsiger Küste Teneriffas angeschwemmt. Das war in der Schlucht von Chimisey, der heutigen Gemeinde Güímar. Zwei Ureinwohner, Viehhirten der Guanchen, staunten nicht schlecht, als sie die Figur von weitem sahen. Wahrscheinlich war die hölzerne Maria von der See aufrecht zwischen einige Felsen geklemmt worden. Die Viehhirten glaubten an ein Wunder, berichtete der Dominikanische Historiker Fray Alonso de Espinosa. Denn eine solch schöne, schwarze Frau in fremdartigen, goldleuchtenden Kleidern hatten die „Erdmenschen“ noch nicht gesehen. Rechts hielt sie ein Baby im Arm und links eine Stange oder lange Kerze, wovon später auch der Name Virgen de la Candelaria abgeleitet wurde.

Nach den strengen Sitten der Guanchen durften die jungen, alleinstehenden Hirten eine alleinstehende Frau nicht ansprechen. Doch ihre mit Angst gemischte Neugier war geweckt. Einer der beiden wollte einen Stein nach ihr werfen, wahrscheinlich um zu sehen, ob sie sich denn nicht mal bewegen würde. Aber geblendet von der Sonne, die vom goldenen Kleid reflektiert wurde, hielt er in der Bewegung inne. Später wurde daraus die Sage von der wundersamen Lähmung des Steinwerfers.

Sie näherten sich der Gestalt (was sie im Falle einer echten Lähmung wohl nicht gewagt hätten) und einer kam auf die Idee, der Holzfigur einen Finger abzubrechen. Als er sich dabei in die Hand schnitt, war es vorbei mit dem großen Mut und beide flohen zum örtlichen Guanchen-Häuptling Mencey Acaymo, um diesem vom Fund zu berichten. Gemeinsam mit Gefolge lief man nun zum Strand und der Guanchenkönig war beeindruckt. Selbst wollte der Boss die Madonna aber nicht anfassen, dies befahl er dem Hirten, der sich ja eh schon verletzt hatte. Und siehe da, so tief war der Schnitt wohl doch nicht gewesen, nach der Berührung prüfte er den Armen und stellte eine wundersame Heilung fest. König Acamymo ließ nun die Frauenstatue zu seinem Palast tragen, wo sie verehrt und bewundert wurde.

Als die Spanier nach und nach die Kanarischen Inseln besetzten, wurden viele Guanchen in die Sklaverei und zum Katholizismus gezwungen. Einem von ihnen, genannt Antón, gelang die Flucht und irgendwie geriet er an den Hof des freien Guanchenkönigs bei Güímar. Und da sah er die schwarze Madonna. Der über den christlichen Sinn der Statue nunmehr unterrichtete Guanchenkönig gab ihr fortan den Namen Chaxiraxis (=Muttergöttin).

In der Höhle Cueva de Achbinico wurde eine erste Kultstätte für die „Virgin de la Candelaria“ eingerichtet. Als die Spanier kamen, wunderten sich diese, dass die Guanchen-Heiden hier schon die Heilige Jungfrau kannten und verehrten. Das soll ihnen an diesem Ort die Sklaverei erspart haben.

In der Nähe der Höhle Cueva de Achbinico wurde 1525 eine kleine Kapelle gebaut, in der die Jungfrau am 2. Februar 1526 eine neue Heimat fand. Später wurde sie im Dominikanerkloster untergebracht.

Treppenwitz der Geschichte ist, dass 1826 ein fürchterliches Unwetter mit Sturm aufzog und der aufgepeitschte Atlantik bis in das Kloster klatschte. Die Brecher erfassten die heilige Madonna von Candelaria und spülten sie mit zurück ins Meer, aus dem sie ursprünglich kam. Wer weiß, wo sie als nächstes angeschwemmt wurde. Die heutige Statue der Schutzheiligen von Teneriffa (Beitragsbild) ist eine Nachbildung des Künstlers Fernando Estévez von 1830.

Am Strand

© Bildrechte: Ekrim 2013

© Rechte am Beitragsbild: CARLOS TEIXIDOR CADENAS, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 04.07.2021

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