Das Schloss von Marxwalde

Geschichten aus früheren Jahrhunderten werden gerne erzählt, da sie aus der Distanz harmlos wirken und meist nur Schmunzeln oder Kopfschütteln kosten. Leben noch Zeitzeugen, Opfer, Täter, wird die Sache schwieriger, empfindlicher.

So wird zum Schloss Neuhardenberg (Beitragsbild) gern die Geschichte erzählt, wie der treue Rittmeister Joachim Bernhard von Prittwitz den preußischen König in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) vor der Gefangenschaft durch österreichisch-russische Truppen schützte, woraufhin Friedrich der Große ihm am 18. April 1763 zum Dank einen Herrensitz schenkte. Diesen ließ Prittwitz zum Schloss umbauen. Woher er wohl dazu das nötige Kleingeld aufbrachte, wäre eine interessante Frage, zu der ich gern mehr wüsste. Denn zu gern würde ich für meine Verdienste einen Sitz am Wannsee annehmen und diesen nach meinem Gusto zum Schlösschen umbauen. Vielleicht tut mir ja einer meiner Leser den Gefallen. Zum Ausgleich würde ich dann auch jeden Tag einen schönen Blog-Eintrag schreiben.

© Bildrechte: Ekrim 2013

Aber jetzt ernsthaft: im Dritten Reich gehörte das Schloss (seit 1814) den Hardenbergs (ein literarisch bekannter Hardenberger war übrigens der romantische Dichter Novalis). Hier im abgelegenen Schloss trafen sich die adligen Widerständler des „20. Juli“ zu Ausritten und Parkspaziergängen und planten das Vorgehen, waren sich einig, dass Hitler der Untergang war für alle Werte, welche der deutsche Adel für wichtig hielt und dass Hitler Deutschland in die Zerstörung führen würde. Das Gästebuch des Schlosses enthielt Namen von allen, die im Widerstand mitwirkten, für die SS war es später geradezu eine praktische Todesliste.

Nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 erhielt Carl-Hans Graf von Hardenberg am 24. Juli im Gartensaal Besuch von der Gestapo. Nur zu genau wusste er, was auf ihn zukommen würde und auf alle, die er vielleicht unter der Folter verraten könnte. Er ging in die Bibliothek nebenan und schoss sich zweimal in die Brust. Er hatte sogar noch Kraft und Entschlossenheit, sich zusätzlich die Pulsadern aufzuschneiden, als er merkte, dass die Schüsse ihn nur schwer verletzt hatten.

Doch auch das war nicht tödlich, er überlebte. Im KZ Sachsenhausen sollte er nach dem Willen der Nazis für einen Hochverratsprozess gesund gepflegt werden, um dann am Galgen zu enden. Schloss und Park wurden enteignet. Zum Prozess kam es nicht mehr. Am 22. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager Sachsenhausen. Hardenberg hatte erlebt, wie hunderte hingerichtet oder in die Gaskammern geschickt wurden. Doch er überlebte.

Statt den konservativen Widerständler nun zu rehabilitieren und zu ehren, enteignete auch die DDR die Hardenbergs 1945 erneut im Zuge der „sozialistischen Bodenreform“. Und der aufrechte Widerständler floh nach Göttingen. Die block-CDU-regierte Gemeinde beschloss 1949 in vorauseilendem Gehorsam die Umbenennung von Neuhardenberg in „Marxwalde“, das 1954/55 denn auch zum „sozialistischen Musterdorf“ erklärt wurde, mit einer Garnison der Nationalen Volksarmee und einem Militärflugplatz für das Jagd­flieger­ge­schwader 8.

© Bildrechte: Ekrim 2013

1958 starb Hardenberg mit gerade 63 Jahren in Westdeutschland. Aber selbst eine Bestattung am Schloss verweigerten die Funktionäre mit den Worten: „Wir haben in unserem Land die Junker und Großgrundbesitzer von dannen gejagt und wollen weder sie noch ihre Asche wiederhaben“. Erst am 22. Oktober 1991 konnte die Urne hinter der Schinkelkirche (Bild links) die letzte Ruhe finden. An der Enteignung konnte auch die Wiedervereinigung nicht mehr viel ändern. Zwar erhielt die Familie ihr Eigentum 1996 zurück. Aber so ein Schloss ist kein finanzieller Spass, sondern Luxus und kostet. Es wurde notgedrungen an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband verkauft und sechs Jahre lang renoviert. Ein Teil der Gebäude ist heute Hotelbetrieb.

Der Ort erhielt seinen alten Namen „Neuhardenberg“ am 1. Januar 1991 zurück.

© Rechte am Beitragsbild: Ekrim 2013

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