Washington DC: Das Kapitol

Ohne Anmeldung oder Vorbereitung wollen wir das Kapitol besichtigen und stellen uns am Morgen in die kurze Schlange. Aber zwei freundliche Polizisten haben Einwände gegen unsere geschmierten Stullen und so setzen wir uns erstmal auf die steinerne Brüstung und mampfen. Danach geht’s durch die Sicherheitskontrolle in das unterirdische Besucherzentrum “United States Capitol Visitor Center”, das bis 2008 für mehr als 550 mio Dollar ausgebaut wurde [1].

Blick auf das Thomas Jefferson Building vom Kapitol aus.

Der Ausstellungsbereich umfasst die gesamte amerikanische Geschichte mit Schwerpunkt Verfassung, Washington und Kapitol. In zwei Kinos laufen Filme, die das amerikanische politische System erklären. Fotos dürfen leider nicht gemacht werden. Sogar ein gutes unterirdisches Restaurant gibt es für die Besucher. Ein unterirdischer Gang verbindet mit dem “Thomas Jefferson Building”, der “Library of Congress (LOC)”, die man besichtigen kann. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 kann man die “Congressional Subway” – die U-Bahn für Politiker – nicht mehr sehen, die das Kapitol mit den Bürogebäuden des Kongresses verbindet und deren wahre Ausdehnung geheim gehalten wird. Die Regierungsgebäude, das White House sowie gerüchteweise Pentagon und Camp David verbindet vermutlich auch ein Tunnelsystem, das zumindest für Fußgänger geeignet ist. Aber auch dieses ist Besuchern natürlich nicht zugänglich [2].

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Rechts: Blick zum Washington Monument vom Kapitol aus.

Mit dem Bau des Gebäudes wurde schon während der französischen Revolutionszeit 1793 begonnen, 1800 war der Nordflügel fertig. Die USA haben historisch wenig Erfahrung mit Invasionen, umso traumatischer wirkte 1814 die Zerstörung des Kapitols durch englische Truppen. Präsident James Madison hatte Großbritannien am 18. Juni 1812 den Krieg erklärt (eine Woche, bevor Napoleon I. seinen fatalen Russlandfeldzug begann), da GB sich gegenüber den USA wenig respektvoll verhielt. Unter anderem war es üblich geworden, amerikanische Seeleute in die britische Kriegsmarine zu zwingen – wobei man zugute halten muss, dass es noch kein nachprüfbares Passwesen gab und sich der eine oder andere Seemann von den britischen Inseln wohl spontan als US-Amerikaner ausgab, wenn es ernst wurde.

Die im britisch-napoleonischen Konflikt neutralen USA litten unter den aus ihrer Sicht willkürlichen Blockaden und Beschlagnahmen durch die Briten. Britische Kriegsschiffe richteten nach dem Beginn der Koalitionskriege mit Frankreich de facto eine Blockade der amerikanischen Häfen an der Atlantikküste ein. Zudem gab es in den USA Spannungen mit Indianern, was man ebenfalls den Briten anlastete – wahrscheinlich zu unrecht.

Die Briten brennen nach ihrem Sieg bei Bladensburg die öffentlichen Gebäude Washingtons nieder, © cph.3c17176 Library of Congress.

Jedenfalls konnte sich die amerikanische Marine, die aus nur 16 kampftauglichen Schiffen bestand, gegen die Royal Navy auf offener See nicht behaupten. Auch zu Lande verlief der Krieg für die Amerikaner zunächst alles andere als unpeinlich. Trotz mehrfacher Überlegenheit mussten die US-Truppen gegen die – diesmal gemeinsam mit Indianern kämpfenden – Engländer zahlreiche Niederlagen hinnehmen, was in der Eroberung Washingtons gipfelte. Am 24. August 1814 wurde die Stadt von einer 4.500 Mann starken britischen Streitmacht aus Armee- und Marineeinheiten besetzt. Dabei wurden unter anderem das Kapitol zerstört und das Weiße Haus beschädigt. Präsident James Madison musste mit seiner Regierung nach Virginia fliehen.

Der Friedensvertrag wurde am 24. Dezember 1814 in Gent unterzeichnet (etwa 8 Monate nach Napoleons erster Verbannung nach Elba) und stellte den alten Status wieder her (status quo ante bellum) – ein schönes Beispiel für die Sinnlosigkeit des Krieges. Sehr bedauerlich war, dass die britische Delegation auf die Durchsetzung eines “Indianerstaates” zwischen Kanada und den USA verzichtete – die englische Bevölkerung war kriegsmüde.

Weitere Folgen waren vermutlich: Kanada entwickelte eine eigene nationale Identität, US-Armee und -Marine wurden aufgerüstet und auch die Briten schulten ihre Royal Navy fortan besser.

Das Kapitol wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut und erhielt erstmals eine Kuppel, wenn auch zunächst aus Holz mit Kupferblech. Mehrere Ausbaustufen und diverse Ausschreibungen führten in den folgenden Jahrzehnten schließlich zu dem klassizistischen Gebäude, wie wir es heute kennen.

Luftbild der National Mall (Washington)

Das Kapitol (links im Vordergrund) ist ein guter Ausgangspunkt zur Erkundung der National Mall und der angrenzenden erstklassigen Museen. © Wikipedia


[1] Wikipedia: Besucherzentrum im Kapitol
[2] whitegouse.gov: Tunnel unter dem White House

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