Tiefsee-Bakterien gegen Kuhfürze?

Vor einigen Jahren hatten Wissenschaftler das von Kühen produzierte „Abgas“ als einen starken Faktor für die Erwärmung der Erde ausgemacht. Kuhfürze und -rülpser enthalten Methan und dieses Faulgas wirkt bei der Klimaveränderung etwa 30-mal stärker als CO2 (wenn man die Wirkung der Aerosole in der Atmosphäre hinzurechnet). Bis zu 500 Liter Methan (CH4) entlässt eine Durchschnittskuh am Tag in die Umwelt.

Michael Kreuzer, Professor für Tierernährung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, machte sich intensiv Gedanken über einen verbesserten Wirkungsgrad bei der Tierernährung. Denn 4-7% des teuren Tierfutters verpuffen im wahrsten Wortsinne aus dem Kuhpansen, statt zu mehr Fleisch und Milch zu werden.

Der Professor fand heraus, dass sich die Gasproduktion mit fetthaltigen Nahrungszusätzen verringern lässt, nicht aber stoppen. Schuld sind Archaebakterien, die Wasserstoff und Kohlendioxid aufnehmen und daraus Methan bilden. Ohne sie würden Kühe Wasserstoff ausscheiden und ihr Wachstum leidet. Nun ist die Wasserstoff-Kuh an und für sich doch keine schlechte Idee, mit H2 lassen sich Autos antreiben oder Turbinen zur Stromerzeugung. Aber dieser Gedanke zur Neugestaltung der Wasserstoffwirtschaft ist in der Öffentlichkeit bislang wenig diskutiert und hat sich noch nicht zur Geschäftsidee gemausert. Vielleicht auch besser so, denn auf Kosten der normalen Rinderverdauung unser menschliches Energieproblem zu lösen, wäre schon ein irgendwie kuh-gemeiner Ansatz. Andererseits ist die heute extrem hochgezüchtete Milchkuh auch nichts anderes als menschlicher Vorteil zum Nachteil des Rindes.

Oder wir fangen das Methan der gesunden Kuh auf und gewinnen daraus abgasfrei Wasserstoff und Kohlenstoff, indem wir es dem Hochtemperatur-Blasensäulenreaktor am KIT in Karlsruhe zuführen … gegen solche Furzfänger hätten wohl auch die Kühe nichts einzuwenden.

Alle möglichen Methoden wurden im Kampf gegen die Methan-Mikroben in der Kuh schon erprobt – wobei man bisher wie geschildert weniger das Klima im Fokus hatte, als vielmehr die ökonomische Futterausbeute: Antibiotika, tropische Pflanzenextrakte, sogar Impfungen. Eine andere Idee, Kraftfutter statt Gras zu verfüttern, scheidet aus. Denn Kraftfutter hat eine deutlich schlechtere Ökobilanz als Heu. Es würde zwar weniger Methan in der Kuh frei, dafür aber mehr Kohlendioxid bei der Futterproduktion.

Australische Forscher entdeckten, dass Känguruhs kaum Methan produzieren – wahrscheinlich, weil andere Mikroben in ihrem Gedärm hausen. Vielleicht ernähren sich die Hüpfer auch vollwertiger. Die Idee wäre, es mal mit diesen Bakterien im Kuh-Verdauungstrakt zu probieren, sozusagen mittels Darmflora-Verpflanzung – bei Pferden spricht man von „Transfaunierung“ [1]. Hat bisher mit Känguruhs und Kühen aber keiner ausprobiert.

Ich hätte da noch eine andere Idee. Forscher haben jetzt methanfressende Mikroben an einem ungewöhnlichen Ort entdeckt: Verborgen im vermeintlich toten Kalkgestein rund um Methanquellen der Tiefsee. Sie beseitigen große Anteile des Gases, noch bevor es sich im Wasser ausbreiten kann [2]. Vielleicht kann man die auch anderswo ansiedeln, z.B. im Rinderdarm? Vielleicht liesse sich aus den methanfressenden Bakterien ein Pülverchen herstellen, das man dem Kuhfutter beimischt.

Oder wir lassen die Kühe einfach fröhlich weiterrülpsen und -pupsen. Denn es gibt auch die Ansicht, wonach die Ökobilanz einer Kuh insgesamt positiv ist. Schließlich trägt sie mit ihren Fladen zur Humusbildung bei. Der BUND hat Lachgas als viel größeren Klimakiller ausgemacht. An diesem Gas sind Kuh und Ochs‘ unschuldig, es entsteht bei der Zersetzung von Kunstdünger auf dem Acker (oder als Abgas im Dieselmotor).

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Fußnoten

[1] spiegel.de: Fäkalien-Transplantation: Ekel-Therapie heilt Darmkrankheiten 

[2] wissenschaft.de: Methanfresser – versteckt im Kalkgestein 

Beitragsbild: Mirke, 2017.

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