Waffen werden zur zweiten Natur

n-tv.de meldete am 10. Januar 2017, das Pentagon habe im Oktober erfolgreich einen Schwarm aus 103 Perdix-Mikrodrohnen getestet. Die kostengünstigen 16,51 Zentimeter großen, 290 Gramm leichten und bis zu 111 kmh schnellen Fluggeräte (derzeit die 6. Generation) bilden zusammen einen kollektiven Organismus, der ohne zentrale Steuerung selbständig militärische Aktionen durchführen kann. Sie wurden über dem China Lake in Kalifornien von drei F/A 18 Super-Hornet Kampfjets ausgesetzt und kooperierten bei der Lösung der gestellten Aufgaben ohne weiteren menschlichen Einfluss, etwa wie ein Wespenschwarm (siehe Video). Bescheiden wird gemeldet, dass die Drohnen zu Patrouillendiensten eingesetzt werden könnten, zur Verwirrung der gegnerischen Flugabwehr oder zur Terroristenbeobachtung …

Der Drohnenschwarm wurde vom Strategic Capabilities Office (SCO) entwickelt, das 2012 von Verteidigungsminister Ashton Carter gegründet wurde, der damals Vizechef des Pentagon war. Sehr gut möglich, dass man von dieser Abteilung in naher Zukunft noch einiges mehr hören wird.

© Videorechte: U.S. NavyYoutube-Terms 29.07.2021

Die durch einen Heckpropeller angetriebenen Minidrohnen agieren selbstständig, auf der Grundlage softwaregesteuerter Schwarmintelligenz


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© Bildrechte: Courtesy of Lem’s secretary, Wojciech Zemek. Resize and digital processing by Masur, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons 30.07.2021

1983 erschien die inspirierende – wenn auch düstere – Science-Fiction-Erzählung „Waffensysteme des 21. Jahrhunderts oder The Upside Down Evolution“ (84 S.) des polnischen Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem (links). Darin wird beschrieben, wie der Kostendruck herkömmlicher Waffensysteme und Kostenverfall bei KI-Chips dazu führen, bewaffnete „Synsekten“ zu entwickeln, „keramische Mikrokrustentiere, Regenwürmer aus Titan“. „Die Mikroarmee wird zu einer operativen Einheit“, zu einem Schwarm, der nur als Ganzes die erwartete Kampfkraft entwickelt. Er agiert selbständig und daher selbst dann noch, wenn die Kommandostruktur vernichtet wäre.

Einen riesigen Schwarm von metallenen Heuschrecken kann man mit großkalibrigen Waffen nie völlig zerstören, selbst Atomwaffen rissen nur Löcher in die Heuschreckenwolken, die sich rasch wieder schlössen. Dispersive Wolken selbstständig agierender Synsekten montieren Bomben am Zielort zusammen, sammeln die militärischen Miniatur-Einzelteile aus allen Richtungen wie Bienen den Blütenpollen. Künstliche Mikroben zerfressen katalytisch die Metall-Legierungen herkömmlicher Waffen. Es gibt keine Frontlinien mehr, der Krieg findet ohne Soldaten statt.

© Videorechte: MAV Lab TU DelftYoutube-Terms 30.07.2021

Die „Delfly“ ides MAVLab der TU Delft imitiert erfolgreich den Insektenflug

Der nächste Schritt in der visionären Erzählung ist, dass automatische „Mikrokonstrukteure“ den Job der Militäringenieure übernehmen, sich laufend verbessern, neue Miniaturgattungen erfinden und in Massen produzieren, die kein Mensch mehr versteht, da ihr Komplexitätsgrad sich dem der Natur nähert. Diese „Involution“ macht Generalstäbe überflüssig. Die Grenzen zwischen Frieden und Krieg verwischen sich. Was zur normalen Realität geworden ist, lässt sich nicht mehr von „echten“ Naturereignissen unterscheiden: Ist der zerstörerische Hagel militärischer Natur oder meteorologischer? Ist saurer Regen ein Umweltproblem oder das Werk feindlicher Diversion? Sind Tier- und Menschenseuchen das Werk angreifender Mikro-Mikroben? Schuldige sind nicht mehr auszumachen, denn alle Staaten dementieren und Synsekten plaudern nicht.

In einer dritten Stufe nun tarnen sich die „Minisoldaten“ so gut – indem sie die Tier- und Pflanzenwelt imitieren – dass niemand die aggressiven Neuentwicklungen mehr von der ehemaligen „echten“ Natur unterscheiden kann: Waffen werden zur zweiten Natur. Wenn es keinen Unterschied mehr gibt zwischen angestiftetem und „natürlichem“ Unheil, dann wird auch Abrüstung zu einer Absurdität und Verschwörungstheorien erhalten ihre Grundlage ( Woher kommt das Coronavirus wirklich?).


Die Realität scheint der Fiktion zu folgen. Am 5. Oktober 2016 wurde der Nobelpreis für Chemie an die Molekülforscher Jean-Pierre Sauvage, James Fraser Stoddart und Bernard Feringa verliehen. Sie haben aus nur einigen Molekülen unter anderem eine Art Lift, einen künstlichen Muskel und ein Mini-Auto hergestellt. Solche Maschinen könnten demnach künftig für neue Materialien, Sensoren und Energiespeicher verwendet werden. Die künstlichen molekularen Maschinen seien über tausendmal kleiner als der Durchmesser eines Haares, meldete n-tv.de.

Den ersten Schritt dazu machte der 1944 geborene Franzose Jean-Pierre Sauvage von der Universität Straßburg im Jahr 1983: Er baute aus Atomen zwei Ringe, die wie Kettenglieder zusammenhängen. Der gebürtige Brite Stoddart, 74 Jahre alt und von der Northwestern University in Evanston, USA, entwickelte 1991 molekulare Achsen und zugehörige Ringe, die darauf auf- und absteigen können – sogenannte Rotaxane. Auf dieser Grundlage schufen er und sein Team winzige Aufzüge und künstliche Muskeln. Die Rotaxane nutzte Stoddart zudem, um Computerchips zu bauen, die zwar nur 20 Kilobyte speichern können, dafür aber viel kleiner sind als herkömmliche Chips. Einige Forscher glauben, dass diese Chips die Computerwelt einmal so revolutionieren könnten wie einst die Transistoren.

© Videorechte: KBSYoutube-Terms 30.07.2021

Mit dem Avogadro 2 Nanocar Builder kann sich jeder „am Reißbrett“ sein Nano-Auto selbst konstruieren

FeringaWiki

© Bildrechte: Wybe, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 30.07.2021

Der Niederländer Ben Feringa von der Universität Groningen (links) hatte als erster einen molekularen Motor gebaut, der sich kontinuierlich in eine Richtung drehte, 2011 folgte ein Art Nano-Auto. Dazu montierten er und sein Team die Motoren als Antriebsräder an einen zentralen Träger. Das Fahrzeug sei nur rund einen Milliardstel Meter (Nanometer) lang, schrieben die Forscher im Fachblatt „Nature“. Es werde über die Spitze eines Rastertunnelmikroskops mit Strom versorgt und mit kurzen Spannungspulsen in Bewegung versetzt. Mit zehn Impulsen sei das Auto etwa sechs Nanometer weit über eine Kupferoberfläche gefahren.


Technologische Innovationen wurden in der Menschheitsgeschichte stets auch für militärische Zwecke verwendet. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es auch bei diesem Thema nicht anders sein wird. Wenn Nanobots Medikamente gezielt zu bestimmten kranken Zellen transportieren können, z.B. zu Krebszellen, so ist ebenso denkbar, dass Gifte oder bewusstseinsverändernde Substanzen gezielt bestimmten Zellen zugeführt werden können; sogar Organen bestimmter einzelner Menschen, aufgrund ihrer individuellen DNS. Wenn sogar ich auf diese Gedanken komme, so wird der militärische Apparat wohl erst recht darauf gekommen sein.

Verbindet man die Puzzleteile Mikrodrohnen, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz ( Brauchen wir Künstliche Intelligenz?), sind wir jetzt, im 2. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, nicht mehr weit entfernt von den Visionen Lems. Ähnliche dystopische Visionen wie in dem Film „Transcendence“ (2013) mit Johnny Depp sind in unserem Alltagsverständnis zwar schon als Alptraum, als verdrängte düstere Bilder, verankert, werden aber noch nicht als nahende Wirklichkeit ernstgenommen.

Albert Einstein: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ Bisher konnten wir den dritten vermeiden. Es liegt an uns, politisch dafür einzutreten, dass es so bleibt.


© Rechte am Beitragsbild: DOD, Public domain, via Wikimedia Commons, bearb. v. Ekrim 29.07.2021

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