Das schönste Perlboot

“Nautilus” ist der Name des futuristischen Unterseeboots von Kapitän Nemo im Zukunftsroman “20.000 Meilen unter dem Meer” von Jules Verne. Viele U-Boote und Schiffe trugen seit Erscheinen des Romans 1869 diesen Namen. “Nautilus” ist auch der Name einer bemerkenswerten Spezies aus der Familie der “Perlboote”, die in Tiefen von bis zu 650 Metern im westlichen Pazifik lebt, z.B. an den Korallenriffen des Palau-Archipels östlich von Indonesien. Das Perlboot ist ein “Kopffüßler” mit Verwandtschaft zu den Tintenfischen, aber mit einem Schneckengehäuse als Wohnung, der sich mit Wasserstrahl-Rückstoßtechnik fortbewegt, unheimliche Augen und keine Saugnäpfe an den Tentakeln hat und der auf- und abtaucht wie ein modernes U-Boot.

Wenn das Tier stirbt, hinterlässt es sein glänzendes Perlmutt-Gehäuse, welches man nach heftigen Stürmen am Strand der Fidschi-Inseln, Neuguineas, der Sundae-Inseln, den Philippinen oder Neukaledoniens finden kann. Solche bis zu 25 cm großen Schalen waren seit der Renaissance auch in Europa begehrte Objekte, welche durch Künstler wie den niederländischen Meister Cornelis van Bellekin zu filigran geschmückten “Nautilus-Pokalen” umgearbeitet wurden. Sieben dieser Pokale sind im Schloss Friedenstein in Gotha zu bewundern. Den schönsten zeigt das Beitragsbild, er gelangte unter Herzog Friedrich II (1676-1732) in die Gothaer Kunstkammer. Er zeigt gewundene Blüten- und Blattmuster, welche in die Wandungen geschnitten und graviert wurden. Natürlich dürfen auch vereinzelte Abbildungen von Insekten nicht fehlen, diese Gravuren wurden anschließend geschwärzt. Sie bezeugen Respekt vor der göttlichen Schöpfung ( Ein Blumenjahr in der Mingvase). Nach der aufwändigen Bearbeitung des Gehäuses wurde dieses mit der Öffnung nach oben in Messing gefasst (oft auch in Silber oder Gold) und damit zum Pokal – der aber ein reines Ziergefäß blieb und viel zu kostbar für einen täglichen Trink-Einsatz.

Die niederländische Familie Bellekin oder Belkjin hatte sich Anfang des 17. Jahrhunderts in Amsterdam auf die Perlmutt-Gravur spezialisiert, Cornelis und sein Bruder Jean erlernten das Handwerk bei ihrem Vater Jerimie. Cornelis gilt heute als “Rembrandt der Perlmutt-Graveure”. Die Wahl verschlungener Blumen-, Blatt- und Blütenmuster als Motiv scheint typisch für Bellekin. Cornelis beherrschte eine Mehrschicht-Technik, welche die mattweißen Blüten- und Blattmuster wie aufgetragen wirken lässt und wie aus einem anderen Material als der polierte Perlmutt-Grund. Mit Hilfe dieser Technik konnten je nach Ausgangsmaterial auch unterschiedliche Farben der unterschiedlichen Gehäuse-Schichten herausgearbeitet werden.

Viele merkwürdige Dinge

“Merkwürdig” im Sinne von “des Merkens würdig” sind einige weitere Stücke der Friedenstein-Kunstkammer. Neben dem bekannten Dinglinger-Elefanten fallen z.B. zwei besonders schöne “Deckelbecher” auf.

Die silbernen und vergoldeten Becher sind mit farbenfrohen Emaille-Arbeiten verziert, denen die vielen Jahre nichts von ihrer Brillanz nehmen konnten. Das Besondere: Es handelt sich um eine sogenannte “Email de Saxe”; gemeint ist keine E-Mail aus Sachsen, sondern eine Kombination aus Goldreliefs und farbiger Emaille auf weißem Grund, die so nur von sächsischen Experten hergestellt wurde. Zunächst wurden die Reliefs aus Goldfolie ziseliert, diese dann mit Glasurmasse gefüllt, bemalt und gebrannt.

Sammlungen haben oft auch etwas von einem Kuriositätenkabinett. So darf ein geräumiger Lederstiefel Johann Friedrichs, Kurfürst von Sachsen, nicht fehlen, den dieser während der Schlacht bei Mühlberg 1547 verloren hat und dem eigens eine Vitrine gewidmet ist. Oder man bestaunt schwarz vor schwarzem Hintergrund einen der letzten sechs noch erhaltenen Original-Hüte Napoleons, der sich von dem gewohnten Zweispitz doch deutlich unterscheidet. Man findet puppenartige Wachsnachbildungen der herzöglichen Familie – sozusagen Vorläufer von Madame Tussauds’ Wachsfiguren-Kabinett – welche die Kriegszerstörungen unbeschadet überstanden haben.

Die Schatzkammer im Gothaer Schloss Friedenstein ist nicht so überwältigend wie beispielsweise das Dresdner Grüne Gewölbe ( Der große grüne Diamant), in dem man vor Sensationen fast ertrinkt – und eben auch an einem regnerischen Nachmittag gut zu schaffen.

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