Gärten der Liebe und Glückseligkeit

Wer hätte gedacht, dass eine Stadt wie Bad Langensalza, gelegen im thüringischen Nirgendwo zwischen Gotha und Mühlhausen, eine Oase der Garten- und Parkkultur darstellt. Entlang der Salza an der ehemaligen Stadtmauer schlängelt sich der Kurpark um die halbe historische und fein restaurierte Altstadt. Der teils naturbelassene Bachlauf wird gesäumt von bunten Naturblumen und Kräutern, dazwischen immer wieder Staudeninseln und Sitzecken, schattenspendende schöne Bäume. Man findet immer ein Plätzchen zum Lesen, Daddeln oder Quatschen, denn selbst am Samstag mittag wirkt die Stadt fast leer – vermutlich dank der rigiden Öffnungszeiten, die man sich im Osten Deutschlands vielerorts gönnt.

Kommt man zu Fuß von Süden, so gelangt man hinter der “Celenus-Klinik an der Salza” gegenüber dem Klagetor zum Rosengarten, mit Sicherheit ein Highlight. Wer hätte gedacht, dass sich eine Stadt wie Bad Langensalza seit 2002 “Rosenstadt” nennt und “Blühendste Stadt Europas” titulieren darf. Wer weiß freilich, wie sich die Jury zusammensetzt, die diesen Untertitel verleiht – eine Art “Blüh-HU”, welche die Zulässigkeit des Titels regelmäßig prüft, wird es wohl nicht geben. Wir wissen seit Trump: Man muss Superlative finden um aufzufallen, auch wenn dies mitunter auf Kosten der Glaubwürdigkeit geht.

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Der “Rosengarten der Liebe” ist mit seinen 450 verschiedenen Sorten zumindest ein Komparativ und nicht der einzige gelungene Garten-Park der Stadt. Aber er ist der schönste und größte, mit einem Rosen-Museum und einem netten Pagoden-Eiscafé. Hier schaut man beim Schlemmen italienischer Becherkreationen über den Goldfisch-Teich auf 17.400 qm Rosenpracht.

Ein Garten-Park am anderen

CIMG1888x600Bonsai im Japanischen Garten

Am zweit-tollsten ist der “Garten der Glückseligkeit”, der den Japanischen Garten auf dem Berliner IGA-Gelände (Gärten der Welt) um Längen in den Schatten stellt. Liebevoll gepflegt und ausführlich dokumentiert und daher lehrreich ist der Apothekergarten am Apothekermuseum. Im Frühjahr beeindruckt sicher der Magnoliengarten mit seinen 25 Arten, aber auch im Hochsommer erfreuen die großen Hortensienbüsche, Waldreben und Gingkobäume. Klein aber schön präsentiert sich der Botanische Garten an der Friederiken-Therme, Schwerpunkt hier: Kakteen, Sukkulenten, Agaven. Das derzeit geschlossene Arboretum konnten wir noch nicht besuchen oder den Traco-Park, der auf Garten- und Landschaftsgestaltung spezialisiert ist. Der terrassenartig angelegte Schlösschenpark wirkt schon von fern sehr gepflegt und wird von den “Kurlaubern” der benachbarten Klinik vorzugsweise aufgesucht, zumal der Eintritt frei ist. Weniger spannend wirkt der Naturgarten des BUND, viele Besucher machen schon auf der Schwelle kehrt. Er wirkt etwas oll und ungepflegt, so als sei im gesamten Jahr 2017 noch nichts gemacht worden und vielleicht auch 2016 nicht, der Garten hat – scheint’s – die besten Zeiten hinter sich. Schade, dass das – an und für sich sehr begrüßenswerte – Naturgartenkonzept oftmals missverstanden wird als bloßes “Laufenlassen” der Natur.

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Grasfrosch und Kois im Japanischen Garten.


Wer hätte gedacht, dass all dieser gepflegte Glanz entweder eintrittsfrei zu besuchen ist oder aber mit einem Drei-Tage-Ticket für nur 5 € (Preise von 2017). Zum Vergleich: Der IGA-Park verlangt für einen Tagesbesuch 20 € – und das einzige “großartige” Plus gegenüber Bad Langensalza ist die überdimensionierte Seilbahn (die mit Garten so wenig zu tun hat wie ein Parkplatz).

Deutschlands einzige Rosenzüchterin
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Die Rosenzucht ist in Deutschland vorwiegend eine Männer-Domäne. Wer hätte das gedacht! Deutschlands einzige anerkannte Rosenzüchterin Anni Berger (†1990) stammte aus Bad Langensalza. Ab 1961 züchtete sie gemeinsam mit ihrem Mann Walter in der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft (GPG) “Roter Oktober” mehr als 50 Rosensorten, von denen einige noch im “Garten der Liebe” bewundert werden können. “Bergers Rose Iga Erfurt” zierte im Jahre 1972 eine DDR-Briefmarke (links), aus diesem Jahr stammt auch die ‘Revolution’, eine rote Polyantharose.

Nicht nur der Volksrepublik China wird gelegentlich vorgeworfen, den Markenschutz zu missachten. Auch der BRD wird dies rückblickend von Rosenfachleuten angekreidet, denn der Sortenschutz der DDR galt nur “für die Republik”. Nach 1990 fiel der weg, und manche ostdeutsche Züchtung wurde nun ganz frech unter anderem Namen im Westen vermarktet.

Neue Sorten durch Bestrahlung
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Ganz spannend finde ich den Hinweis von Maria Mail-Brandt / Wolfgang Brandt auf ihrer Webseite www.welt-der-rosen.de zu Methoden der Rosenzucht in der DDR: Die Leitung der GPG übernahm 1980-1990 Gudrun Dube, “die sich mit der ‘In-vitro-Vermehrung’ von Rosen (strahleninduzierte Mutanten, Radiomutanten) erfolgreich zeigte”. Übersetzt heißt das: Saatgut oder Rosenpollen wurden bestrahlt, um Mutationen auszulösen und aus den Mutanten suchte man dann verwertbare, erkennbar neue Sorten heraus. Heute weiß man: Ein großer Teil der entstehenden Mutationen ist unbrauchbar, weil die Gendefekte häufig die Lebensfähigkeit der Pflanze vermindern, also mehr Zerstörung anrichten als kreativ zu wirken. Wer hätte das gedacht. Ein Ergebnis der Bestrahlungszüchtung war 1982 z.B. die Sorte “Trumpf” ( 2017: Trump wird Obertrampel). Ich hatte immer den Verdacht, dass mit dem Mann nicht alles takko ist.

Zur Rosenzucht siehe auch:  Rosen im Schmuckstück.


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