Ehe zu dritt: Papst half mit

Drei sind einer zuviel – heißt es im Volksmund. Auch die Arbeitspsychlogie sagt, Dreierteams sind ineffizient und instabil. Noch schwieriger wird’s beim Thema Liebesbeziehung: Eine(r) kommt bei der ménage-à-trois regelmäßig zu kurz, sagt die Erfahrung. Aus drei werden schnell zwei + eins oder eins + eins + eins, wenn man der Gruppendynamik ihren natürlichen Lauf lässt.

Dass es mit einer “Ehe zu dritt” doch klappen kann, und sogar auf Dauer, will die Geschichte um den “zweibeweibten” Grafen Ernst (oder Ludwig) von Gleichen zeigen.[1] Der Sage nach zog dieser 1227[2] beim 5. Kreuzzug mit Landgraf Ludwig dem Frommen unter Kaiser Friedrich II. nach Palästina in den Heiligen Christlichen Krieg[3], um wieder einmal das Heilige Grab von den Heiden zu befreien. Da war er schon verheiratet. “Lady” von Gleichen war sicher nicht so begeistert wie der Ritter, für den dies eine große Ehre war. Man sammelte sich also und zog hinunter ins italienische Brindisi, von wo aus es gemeinsam mit Kaiser per Schiff nach Akkon ging (eine alte Hafenstadt im heutigen Nord-Israel), einige Monate darauf zog das relativ kleine Heer kampfbereit nach Jaffa. Mit dem fürs Heilige Land zuständigen Sultan al-Kamil konnte Friedrich wenig später eine friedliche Übergabe von Jerusalem, Nazareth und Bethlehem aushandeln – der Sultan hatte gerade anderweitigen Ärger und keinen Bedarf, an mehreren Fronten zu kämpfen. Außerdem hatte der Kaiser einige Kenntnisse der fortgeschritteneren arabischen Wissenschaften und beherrschte wohl auch die Landessprache und Landesgepflogenheiten, was bei den Verhandlungen nützlich war.

Friedrich II. erhält Jerusalem

Sultan al-Kamil (3. von links) übergibt Friedrich II. (2. von links) die Stadt Jerusalem, rechts an der Kuppel des Felsendoms zu erkennen.

Friedrich strebte auch deshalb nach einem schnellen Frieden, weil es in seinem Königreich Sizilien Ärger mit dem Papst gab. Dieser war im Mittelalter kein Nächstenliebe predigender älterer Herr im Vatikan, sondern herrschte machtbewusst über größere Teile Italiens und besaß ein Heer. Papst Gregor IX. hatte Friedrich II. exkommuniziert, weil er den schon 1215 zugesagten Kreuzzug (aus organisatorischen und gesundheitlichen Gründen) mehrfach hinausgezögert hatte. Nach dem Waffenstillstand mit dem Sultan konnte sich der Kaiser nun umgehend seinen sizilianischen Streitereien widmen und reiste 1229 ab. Ärger mit dem Papst bestimmte das weitere Leben Friedrich II. Zurück im Heiligen Land blieben als Besatzer einige Getreue, welche die Einhaltung der Absprache zwischen Kaiser und Sultan garantieren sollten.

Der Sage nach war Graf von Gleichen einer dieser Getreuen. Einer ausführlicheren Erzählungsvariante zufolge ritt von Gleichen eines Tages ein bißchen vor die Stadt – das Herumlungern war auf Dauer denn doch etwas langweilig – und wurde prompt erwischt; er und seine Mit-Ritter landeten im Gefangenenlager und wurden zur Zwangsarbeit verdonnert. Ob dies im Geiste der kaiserlich-sultanischen Vereinbarung war, lassen wir dahingestellt. Zum Glück war des Ritters Gesundheit stabil, denn die Sklaven-Ernährung war mit Sicherheit wenig ausgewogen, frische Luft im Kerker knapp, wenn es auch reichlich Bewegung gab.

Das Glück war sowieso auf Seiten des Holden von Gleichen, denn er bekam eines Tages Besuch von des Sultans schöner Tochter, die heimlich Erkundigungen eingezogen und seinen Adelsstand in Erfahrung gebracht hatte. Ob es sich dabei um die Tochter von al-Kamil handelte? Möglicherweise half sie bei der Gefangenen-Betreuung oder war einfach neugierig auf die exotisch fremden Männer, jedenfalls machte es bei seinem Anblick eines Tages “Zoom” – die Liebe war da. Was selbst heute ungewöhnlich wäre: Sie war es, die dem Zwangsarbeiter einen Heiratsantrag machte. Von Gleichen sah seine Chance, beichtete ihr aber zeitnah, dass er schon verheiratet sei und zwei Kinder habe. Was sie nach morgenländischer Landessitte nicht groß störte. Die Muslimin versprach sogar, zum Christentum zu konvertieren, um den Grafen zu gewinnen.

Eines Tages feierte nun der Vater ein Fest und die Tochter erbat sich harmlos die Erfüllung eines Wunsches. Ganz wie Väter heute ließ sich Daddy schnell erweichen, nichts Böses ahnend. Die Schöne ergriff die Chance und bat um Freiheit für den Sklaven/Grafen. Das war sicher kein Spaß für den Sultan. Welcher Vater schaut schon gelassen zu, wenn die Tochter einen ausländischen Terroristen heiraten will?

Doch versprochen war versprochen, Graf von Gleichen wurde begnadigt und vermählt. Wie es dann zum Entschluss kam, gemeinsam ins Abendland aufzubrechen, ist ungewiss. Vielleicht sehnte sich der Graf nach seiner alten Liebe, vielleicht vermisste er seine Burg und die mit seinem Stand verbundenen Privilegien? Jedenfalls reiste man eines Tages los, nicht ohne einen Abstecher nach Rom zum Papst einzuplanen (und mit einigen Reichtümern der Sultanstochter im Gepäck). Nicht etwa, um die bei Katholiken dieser Zeit aussichtslose Bitte um Scheidung im Vatikan vorzutragen, sondern um sich die Ehe zu dritt genehmigen zu lassen. Man glaubt es kaum: Der Papst drückte beide Augen zu und gab hierzu nach einigem Zögern – möglicherweise nicht ohne einige Bestechungssummen kassiert zu haben – tatsächlich sein Ok. Noch in Rom wurde die Sultanstochter getauft. An dieser Stelle ein kleiner gedanklicher Exkurs: Wäre mal spannend, die riesigen Archive des Vatikans nach Belegen für diese Episode zu durchforsten!?

Welcher Papst war’s?

In die Zeit 1227 bis 1249 fallen die “Amtszeiten” von drei Päpsten: Gregor IX., Coelestin IV. und ab 1241 Innozenz IV.

Papst Gregor IX. - Erfinder der InquisitionPapst Coelestin IV. - starb vor der KrönungPapst Innozenz IV - führte die Folter ein

Papst Gregor IX. (links) förderte den Franziskanerorden und sprach Elisabeth von Thüringen (Bezug zur Heimat des Grafen von Gleichen?) heilig. Zugleich führte er als Standardstrafe gegen “Häretiker” das Verbrennen ein – nicht gerade ein Akt der Nächstenliebe. Er hatte Zeit seines Lebens Streit mit Friedrich II. – vor allem, weil letzterer ihm zu lasch gegen den Islam vorging. Über die kampflose Übergabe Jerusalems war dieser Papst nicht erfreut, er hätte lieber Blut gesehen. Gregor IX. erfand die “Inquisition”, schuf das Amt des Inquisitors als eines von den lokalen Bischofsgerichten unabhängigen Sonderbeauftragten und führte in Rom eine der ersten Inquisitionen selbst durch. Ob dieser Papst daher einer Dreier-Ehe mit einer Ex-Muslimin den gnädigen Segen gegeben haben könnte, klingt eher unwahrscheinlich. Doch man weiß nie, wohin Menschen das schlechte Gewissen treibt, wenn sie für andernorts verübte Verbrechen einen kleinen Ausgleich schaffen wollen.

Coelestin IV. (Mitte) war nur 17 Tage Papstanwärter, er starb nach den Anstrengungen der Konklave, noch bevor er gekrönt werden konnte.

Den Namen “Innozenz” (Innozenz IV. rechts) könnte man mit “Der Unschuldige” oder “Der Rechtschaffene” übersetzen; leider war dieser Papst alles andere als harmlos und baute die Inquisition aus (Bulle Ad Extirpanda), womit auf lange Zeit die Folter “als Mittel zur Wahrheitsfindung” legitimiert wurde. Innozenz läutete somit eines der finstersten Kapitel des Mittelalters im Kampf gegen “Ketzer” ein – man kann sich kaum vorstellen, dass so einer das Sakrament der Ehe “aufweicht”.

Ausgestattet mit dem Papst-Papier konnten die neuen von Gleichen nun jedenfalls – der Sage nach – auch daheim vor die Bauern treten und liefen nicht Gefahr, exkommuniziert und vom Bauernvolk verhöhnt zu werden … Also zog das Paar mit Sohnemann 1249 gen Norden[4]. Das Wiedersehen mit der daheimgebliebenen Ehefrau wollte allerdings psychologisch vorbereitet werden … Im Dorf Blumenthal in Franken ließ man den jungen Sohn bei einer Bauernfamilie zurück – der Schock für die Alt-Frau wäre sonst vielleicht zu groß geworden. Aus dem Knaben ist der Sage nach später ein erfolgreicher Landwirt geworden. Einige Kilometer vor der Burg trennte sich der Graf kurz von seiner Morgenland-Schönheit und ritt allein voran. Entsprechend ungetrübt war zunächst die Wiedersehensfreude. Man erkannte sich nach 22 Jahren tatsächlich wieder, der Ritter strich nun die rühmliche Rolle seiner neuen Frau bei seiner Freilassung und Rückkehr gebührend heraus … Die erste Frau mag sich gedacht haben: besser den Mann und die mitgebrachten Schätze teilen als gar nichts.

Nun erst rückte die zweite Frau nach und – was nun wirklich selten ist – die beiden Konkurrentinnen verstanden sich angeblich von Anfang an prächtig. Die Sultanstochter kam als Zweit-Stiefmutter auch gut mit den Kindern der Lady von Gleichen klar, so dass alle glücklich und zufrieden lebten, bis der Tod sie schied. Beerdigt wurden sie, wie sie gelebt hatten: in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Petersberg zu Erfurt, dessen Grabdeckel (Beitragsbild) heute im Erfurter Dom zu besichtigen ist.

Die Burg Gleichen aus der Vogelperspektive.

Wenn man von Erfurt nach Gotha über die A4 rauscht, fliegt man durch die markanten “Drei Gleichen”, links zunächst die modernisierte Wachsenburg (heute mit Restaurant und Hotel), dann die Mühlburg und gegenüber rechts die Burg Gleichen, wo das Dreierpaar gelebt haben soll. Diese Burg ist nur noch eine Ruine (Foto oben). In der Wachsenburg gibt es ein “Von Gleichen Gedächtniszimmer”, das sogar eines der angeblich originalen “dreischläfrigen” Betten beherbergt, eine logischerweise extrabreite Sonderanfertigung, in das man zu Museumszwecken drei kostümierte Puppen legte.

Die Story ging über Jahrhunderte in Poesie und Literatur ein, wurde vertont, bedichtet und verfilmt, es gibt Postkarten und Andenken, im Erfurter Rathaus berühmte Wandgemälde. Immer wieder beriefen sich Zeitgenossen auf das Beispiel, von Luther über Goethe bis zu den Gebrüdern Grimm. Am 27. Mai 2006 wurde auf Gut Ringhofen bei Mühlberg gar ein Musical “Der Graf von Gleichen” uraufgeführt, das freilich sehr kreativ mit dem Stoff umgeht.

Ob es sich aber um verbürgte Geschichte handelt oder eher nur um einen romantischen Männertraum, bleibt der weiteren Forschung überlassen.


[1] Ludwig Bechstein: Sagenbuch der Drei Gleichen (ISBN 978-3-938997-03-1).
[2] Bechstein nennt in seinem o.g. Buch von 1837 die Jahreszahl 1227, so dass naheliegt, es habe sich um den 5. Kreuzzug unter Kaiser Friedrich II. gehandelt. Der Beitrag folgt Bechstein insoweit. Andernorts (Archiv für Geschichte, Genealogie, Diplomatik und verwandte Fächer, hrsg. durch einen Verein von Gelehrten und Freunden deutscher Geschichts- und Stammeskunde, Stuttgart 1846) wird vermutet, Ernst von Gleichen habe etwa 50 Jahre früher gelebt und 1188 am 3. Kreuzzug unter Friedrich Barbarossa teilgenommen. Dies würde die Gefangennahme des Grafen erklären, denn hier ging es weitaus weniger friedlich zu. Der entscheidende Papst wäre dann Gregor VIII., Coelestin III. oder Innozenz III. gewesen.
[3] 1228 schiffte sich der deutsch-römische Kaiser Friedrich II. mit einer relativ kleinen Streitmacht nach Palästina ein. Diese war geschrumpft, weil die Malaria grassierte, Friedrich II. erkrankte ebenfalls, was zu einer weiteren Verzögerung und zu seiner Exkommunikation geführt hatte. Dieser Kreuzzug gilt als der einzige, der friedlich und erfolgreich war.
[4] Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 575.

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