Der dicke Irre mit der großen Bombe

Es scheint ein typisches Wesensmerkmal größenwahnsinniger Diktatoren zu sein, sich – freiwillig – einzugraben. Dafür ist ihnen kein Aufwand zu groß. Bei allem Größenwahn scheint ihnen ihre Vergänglichkeit doch irgendwie bedrohlich bewusst zu sein.

Ex-Chefideologe Hwang Jang Yop, der 1997 in die USA floh, berichtete vor seinem Tode 2010: 300-500 Meter (!) unter der Hauptstadt Pjöngjang gebe es ein exklusives 50 Kilometer weites Tunnelsystem für die Kim-Familie, ranghohe Parteifunktionäre und Militärs. Das Tunnelsystem verfügt angeblich über Bunker, Bahnlinien, sowie über Frischwasserversorgung. Selbst für Vegetation sei in Hunderten Metern Tiefe gesorgt. „In einem Tunnel zwischen Pjöngjang und einem nahegelegenen Berg wächst Gras“, sagte Hwang Jang Yop. Zu allen strategisch wichtigen Punkten Nordkoreas seien Auto- und Bahntunnel durch die Tiefe getrieben worden, z.B. zum 40 Kilometer von Pjöngjang entfernten Hafen Nampo, zur Uran-Mine von Suncheon und zum Luxusanwesen der Kims in Yeongwon.

DMZ

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Nach Informationen des „South’s Korea Institute for Defence Analysis“ gibt es in Nordkorea 8.000 militärische Anlagen im Untergrund. Der Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), Ahmet Üzümcü, sagte der Nachrichtenagentur AFP am 4.10.2017, Nordkorea sei im Besitz von schätzungsweise 3.000 – 5.000 Tonnen chemischer Waffen. Auch dieses Arsenal wird im ausgedehnten Untergrund vermutet. Bekannt wurden 1978 vier Angriffstunnel, die unter der Demilitarisierten Zone (DMZ) nach Südkorea getrieben wurden. 20 weitere werden vermutet. Für einen Überraschungsangriff auf Seoul von Nordkorea aus hätte die Diktatur pro Stunde und pro Tunnel 30.000 Soldaten mit leichten Waffen durchschleusen können. Heute ist der „Dritte Angriffstunnel“ eine Touristenattraktion.

Der zu CIA und MI5 übergelaufene Vizebotschafter Nordkoreas in London, Thae Yong Ho berichtete, Kim Yong Un habe stets zwei vollgetankte Kleinflugzeuge in seiner Nähe, um im Ernstfall mit Frau und wichtigsten Militärs nach China zu fliehen, auf der Mitnahmeliste stehen Generalleutnant Kim Rak-gyom (Chef der Raketenkräfte) und Raketenentwickler Kim Jong-sik. Die Regel ist: wo ein Kim-Wohnsitz ist, da ist auch eine Startbahn. Vom sicheren Exil in China aus will der Diktator dann den Krieg weiterführen – das hatte er sich zumindest bisher so gedacht. Ob die Volksrepublik China hierbei heute noch mitspielen würde, wäre die Frage.

In Taegwan und Yongwon – etwa 150 Kilometer nordwestlich von Pjöngjang – ist auf Satellitenbildern ein Bahnhof zu sehen, der nur für den Herrscher gebaut worden sein soll. Angeblich ist dieser „einer von vielen privaten“ Fluchtbahnhöfen. Er soll durch einen dreifachen Starkstromzaun gesichert sein – wohl nicht gegen Invasoren aus den USA … Der Bahnhof befindet sich ca. 20 Kilometer von der Grenze zu China entfernt. Die Gleise verschwinden ca. 600 Metern südwestlich des Bahnhofs im Untergrund einer Bergkette. Auf chinesischem Gebiet, 700 Meter vom Grenzfluss Yalu entfernt, tauchen dann unvermittelt Gleise auf. Vermutlich handelt es sich um eine Fluchtroute des Diktators, die mit Wissen und Unterstützung Chinas gebaut wurde – zu Zeiten, als beide Länder sich noch als Verbündete sahen.

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Soweit man weiß, kann die stärkste Tiefenbombe der USA bis zu 60 Meter tiefe Ziele zerstören – zu wenig, um die unterirdische Luxuswelt der Kims wirklich zu beeinträchtigen. Wiegt das den kleinen dicken Egomanen in scheinbarer Sicherheit? Verführen ihn sein bombensicheres Tunnelnetz in Bergwerkstiefe und die traditionellen Exilzusagen aus China dazu, die Eskalation immer weiter zu treiben und hemmungs- und bedenkenlos mit der Wasserstoffbombe zu drohen?

Das Perfide an der Situation in Nordkorea, das einen überwältigt und fast sprachlos macht, ist das wie selbstverständliche Hinnehmen oder gar Einplanen des Leidens und des Todes Tausender, wenn nicht Zehntausender oder gar Hunderttausender unbeteiligter Menschen. Das sind diejenigen, die jetzt schon hungern und keine Zukunftsperspektiven sehen können. Diejenigen, die im Kriegsfall keinen Zutritt zu den Maulwurfstunneln hätten, sondern sterben müssten. Diejenigen, die nicht einfach den Sonderzug nach China besteigen können. Von den Folgen für die Umwelt, für Ozeane, für den gesamten Planeten abgesehen. Dem Zerstörungswillen des Diktators stehen keinerlei Ziele oder Ideale gegenüber. Nur ein permanentes Bedrohungsszenario hält die ideologische Machtwelt des Kim Yong Un zusammen. Und dieses wird von Donald Trumps Drohungen wunschgemäß bedient.

Einsame Machtgelüste, überhebliches Machogehabe, Egoismen einzelner, omnipotente Projektionen kranker Hirne – dieses politische Gift sollte im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr an der Spitze von Nationen haben. Moderne Demokratien sollten den kleinen dicken Irren ignorieren, statt die Kriegsparanoia anzuheizen, auf die seine Herrschaft baut. Niemals ist Krieg „alternativlos“. Kreative diplomatische Ansätze sind unbegrenzt vorstellbar und niemals ausgereizt, können zu überraschenden Erfolgen führen. Neue unerwartete Gesprächsangebote, welche die Propaganda als Lüge entlarven, konsequente international abgestimmte wirtschaftliche Maßnahmen, welche die Kim-Familie persönlich träfen, aufklärende Medienangebote, Unterstützung des internen Widerstands (diesen gibt es nämlich laut Thae Yong Ho durchaus und zunehmend), raffinierte getarnte Cyberattacken uvm. – alles ist besser als die Katastrophe eines Atomkrieges.

Die unterirdische Flucht-Bahnlinie nach China zeigt, wie wichtig und dringend ein aktives diplomatisches Einbinden der Volksrepublik bei einer Lösung der Nordkorea-Krise ist. Die kommende Weltmacht wird sicher nicht zulassen, dass es zu einer gewaltsamen Wiedervereinigung mit Südkorea unter amerikanischer Vorherrschaft käme. Ende August sagte der chinesische Ministerpräsient Xi Jinping hierzu: China würde sich neutral verhalten, wenn Nordkorea einen militärischen Angriff unternähme. Falls Nordkorea aber von den USA militärisch angegriffen würde, stünde man an der Seite des Regimes in Pjöngjang.

In Südkorea soll eine „Enthauptungseinheit“ gegründet werden, deren einzige Aufgabe es sein wird, „Nordkoreas Kriegskommando- und Kon­trollsystem zu neutralisieren und die Führung des Regimes, einschließlich Kim Jong-un, zu eliminieren“. Das berichtete im September „The Korea Herald“. „Ich glaube, wir können bis zum 1. Dezember eine solche Enthauptungseinheit bilden und operationsfähig machen“, sagte der südkoreanische Verteidigungsminister Song Young-moo. Die Sondertruppe soll eng mit US-Spezialkräften wie dem „SEAL Team Six“ zusammenarbeiten, das auch als „DEVGRU“ bekannt wurde. Ob das freilich zu einer tieferen Konfliktlösung führt, möchte ich bezweifeln. Nordkorea ist nicht Pakistan, Kim Yong Un nicht Osama bin Laden.

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Hinweise nach UrhG

3236.1   Korea DMZ.svg Tatiraju.rishabh Furfur, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons 11.08.2021  

3236.2   Central Intelligence Agency (CIA), Public domain, via Wikimedia Commons 11.08.2021  

3236.3   Korean Central News Agency (KCNA)Central Intelligence Agency (CIA) embedded via Getty Images 11.08.2021  

© Rechte am Beitragsbild: geralt @pixabay 11.08.2021


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