Wir machen uns die Krankheiten selbst

Was dem einzelnen zunächst nützt, schadet manchmal der Gattung und am Ende auch dem Individuum. Das gilt sogar für unser Immunsystem, das uns ja eigentlich hilft, in einer Welt voller Krankheiten zu überleben. Vitaminreiche, vollwertige Kost, viel Bewegung, wenig Stress und Umweltgifte, Impfungen – eine ganze Gesundheitsindustrie befasst sich mit dem Aufpimpen unserer Konstitution. Wer möchte nicht gesund bleiben, am besten bis ins hohe Alter.

Was die Medizin dabei bisher nicht so im Fokus hatte: Auch Viren und Bakterien sind Lebewesen, die überleben wollen, sich weiterentwickeln und anpassen. Und zwar schneller und besser in dem Maße, wie sie dazu gezwungen werden. Was wir durch Charles Darwin von Fauna und Flora wissen, dass nämlich Selektionsdruck die Mutationsrate erhöht und damit die schnelle Entstehung neuer Arten, das gilt auch für das Reich der Krankheitserreger. Ausdruck solcher Anpassung sind z.B. die berüchtigten “Krankenhauskeime”, die gegen viele Antibiotika resistent geworden sind und sich mittlerweile in vielen Gewässern finden lassen [1].

Forscher um Dana Hawley vom Virginia Polytechnic Institute in Blacksberg (Virginia, USA) fanden nun heraus, dass unser Immunsystem selbst zu einer “Verschärfung” der Gefahren beiträgt [2]. Eine gut trainierte Abwehr macht weniger gefährlichen Erregern den vollständigen Garaus. Je fortentwickelter und damit gefährlicher Bazillen und Viren aber sind, umso größer ist deren Überlebenschance. Nur ein Großteil kann durch die menschliche Abwehr besiegt werden; der kleine überlebende Rest wird zum “Keim” eines neuen, gefährlicheren Stammes. Gerade das Überleben und die Gesundung des Individuums führen so zu immer gefährlicheren Krankheiten – gefährlicher vor allem für die, deren Immunsystem nicht in gleichem Maße trainiert und verbessert wird bzw. werden kann.

Ähnlich wie Charles Darwin der Evolution seinerzeit durch Untersuchungen am “Darwin-Finken” auf die Spur kam, gelangten auch die Blacksburger Forscher zu ihren Erkenntnissen durch eine Finkenart: den nordamerikanischen Hausfinken (house finch od. Haemorhous mexicanus, siehe Beitragsbild: © by John Benson from Madison WI CC BY 2.0, via Wikimedia Commons). Der Vogel leidet in den letzten Jahren zunehmend an einer Augeninfektion durch das Bakterium Mycoplasma gallisepticum (oben links, © by M.H.B. Catroxo and A.M.C.R.P.F. Martins CC BY 3.0, via Wikimedia Commons), die zur Erblindung und zum Tode der Vögel führen kann. Im Experiment zeigte sich: Besonders virulente Erregerstämme sorgten für eine starke Immunisierung. Die Vögel wurden nur noch durch besonders aggressive Erregervarianten krank, was für diese Bakterienstämme am Ende einen Selektionsvorteil darstellte. Eine Finkenschar mit einigen abwehrtrainierten Vögeln brachte doppelt so schädliche Bakterien hervor wie eine “unberührte” Vergleichsgruppe, in der noch kein Vogel Kontakt zur Krankheit hatte.

Die Forscherin glaubt, von den Finken auf Tiere und den Menschen schließen zu können: Ist keine völlige Immunität gegeben, und das ist in der Praxis wohl immer der Fall, werden in einer Population schädlichere Erreger begünstigt. Der einzelne wird z.B. durch eine Impfung zwar vor der Krankheit geschützt, die Gruppe hat es allerdings immer schwerer, gesund zu bleiben. Kollegin Arietta Fleming-Davies: “Dies deutet darauf hin, dass der Immunreaktion eine Schlüsselrolle bei der Evolution der Pathogene zukommen könnte”.

Vor dem Hintergrund der Globalisierung verschmelzen die Nationen zu einer einzigen großen Menschen-Population. Das Bevölkerungswachstum hat dazu geführt, dass diese Population immer dichter wird, so dass es “unberührte” Menschengruppen wie in der Vergleichsgruppe der Finken nicht mehr gibt. Wir züchten uns durch Immunstärkung aktiv immer schlimmere Krankheiten heran. Fazit: Vielleicht ist einfach mal krank zu werden – zwecks Training – für uns alle am Ende besser. Aber wer möchte schon der erste sein?

Siehe auch  Kurpfuscher und Quacksalber


[1] Tagesspiegel: Resistente Erreger in Flüssen und Seen entdeckt
[2] Science: Incomplete host immunity favors the evolution of virulence in an emergent pathogen

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