Erquickliches Prunken auf der gepriesenen Insel

Wer unfrei lebt, hat schließlich immer noch seinen Kopf. Man kann sich Fantasiewelten schaffen, der Kreativität ein Ventil geben, die ansonsten vertrocknen müsste. “Aus einer defizitär erlebten biografischen Situation heraus wird eine positive Welt imaginiert” [1]. Mit detailversessener, jahrzehntelanger Leidenschaft haben zwei Männer aus dem thüringischen Sonneberg ab 1952 einen solch fiktiven Kosmos, einen Kontinent im Maßstab 1:50 erschaffen, der im Schloss Heidecksburg in Rudolstadt seit 2007 ausgestellt wird: “Rococo en miniature” oder “Die Schlösser der gepriesenen Insel”. Das Besondere an dieser “positiven Welt”: sie folgt vollständig ästhetischen Regeln des Rokoko und passt daher als Dauerausstellung gut in die thüringische Schlösserwelt.

Wir sehen König Talari III. in den Fingern eines “Gottes” (© Wikipedia CC BY-SA 3.0).

Was als heimliches Kriegsspiel mit bemalten Halmafiguren unter dem Schultisch begann, wurde über die Zeit zu einer Passion, die heute ein mythologisches Universium umfasst. Freilich immer mit einem Schuss Selbstironie und Spott versehen, auch Erotik hat einen Platz im Detail (die “Figürchen” verhalten sich nicht immer jugendfrei). Verortet wird die Mini-Welt auf dem Planeten Centus, der sich, hinter dem Mond gelegen, der menschlichen Beobachtung entzieht (die chinesische Mondsonde Chang’e 4 hatten die Schöpfer damals noch nicht auf dem Schirm [1.1]). Der Planet hat einen Kontinent: “Die gepriesene Insel mit den Großreichen von Pelarien und Dyonien”, etwa 300 mal 400 Kilometer groß – was für nur etwa 3 Zentimeter kleine Figuren natürlich ganz schön groß ist. Pelarien wird von König Talari III. regiert, Dyonien von Königin Onide. Beide Reiche verbindet und trennt eine ereignisreiche Geschichte, so wie auch die beiden “Schöpfer”, Bühnenbildner Manfred Kiedorf († 2015) und Restaurator Gerhard Bätz, eine lange, nicht immer konfliktfreie Geschichte verband. Kiedorf hat das Königreich Dyonien gestaltet, Bätz das Königreich Pelarien – erstaunlich, wie gut Figuren und Gebäude dennoch aufeinander abgestimmt sind.

Rollenspiel im Rokoko-Universum

Das Rollenspiel generierte über die Jahrzehnte nicht nur eine eigene Dynastie- und Schlachten-Geschichte, Fabeln, Wissenschaften, Poesie, Religion und ästhetische Anspielungen, selbst eine (wenn auch niedergeschlagene) republikanische Revolution, eine eigene Sprache: das Pezanische, das etwa 300 Ausdrücke kennt. Auf der Webseite von Schloss Heidecksburg findet sich dazu ein Wörterbuch. “Tiuk de Pe is alla wachn Pe” [2] – eine Mischung aus Hochdeutsch, Erfundenem und Sonneberger Dialekt. Bätz und Kiedorf verwendeten ihre “Geheimsprache” – wie viele Heranwachsende – vor allem in ihrer gemeinsamen Sonneberger Jugendzeit.

Fantastische Fantasieschlösser

Das weitläufige Schloss Perenz (Königreich Pelarien) ist durch Bätz noch ein Stückchen akribischer und detaillierter gestaltet worden als Schloss Eulenlust (Königreich Dyonien). Highlight der Fassade von Perenz ist der Baldachin mit gedrehten Marmorsäulen, vergoldeten Basen und Kapitellen. Die krönende Skulptur aus weißem Marmor ist ein schönes Beispiel für die eigene Geschichtswelt der “gepriesenen Insel”: vier Gestalten tragen einen großen Suppentopf. Eine Anspielung auf Talari I., welcher der pelarischen Legende nach wegen “dauerhaft zu magerer Suppe” verstarb. Atemberaubend bis ins Zehntel-Millimeter-Detail sind die Räume gestaltet. Parkette mit aufwändigen Intarsien, Decken mit Stuck und vergoldeten Borten verziert, mit Deckengemälden, welche weitere Anspielungen auf die Geschichte und Religion der Königreiche vermitteln. Besonders eindrucksvoll ist das monumentale Treppenhaus (Beitragsbild, Wikipedia © Ulrich Fischer, Thüringer Landesmuseum Heidecksburg).

Dyonien hat dagegen eine Vielzahl von Jagd- oder Lustschlössern zu bieten: Jagdschloss Dyona, das alte Schloss Pyrenz, das Kronprinzenpalais Schloss Musenhofen mit seinen zahlreichen kleinen Wandgemälden, einige mit deutlich erotischem Fokus.

Ausschnitt Schloss Perenz
Ausschnitt Schloss Eulenlust

Links: Schloss Perenz, rechts: Schloss Eulenlust.

Ironische Einzelszenen

Neben den beiden Stammschlössern der Herrscher gibt es noch zahlreiche ebenso maßstabsgetreu gestaltete Rokoko-Gebäude, die von hunderten Adliger, Hofschranzen, Bediensteter und Gelehrten bevölkert werden. Die Ausstellung zeigt auch viele Einzelszenarien. Z. B. den Sternengucker Dr. Röselbart, den dyonischen Hofdichter “Bombastus der aus Igelshieb” beim Bewundern seiner eigenen Büste oder Kronprinz Olarich (gemeinsamer Sohn von Königin Onide und Talari III.), wie er in seinem kleinen Liebhabertheater Proben von Buffo Animale Carotti und Kammersängerin Leonilda Tumulti beiwohnt, während Dalmatiner Brutus jaulend in den Gesang einstimmt. Sogar ein detailgetreues Puppenhaus – im Gesamtmaßstab von ca. 1:200 – ist zu bestaunen, das nach Angaben der Schöpfer seit mehreren Generationen im Besitz der königlichen Familie von Pelarien befindet und von Prinzessin Talophé bespielt wird.

Sternengucker Dr. Röselbart


Sternengucker Dr. Röselbart.

Kein Rokoko ohne Religion

Das Mausoleum beherbergt Särge der dyonischen Könige, welche in den vergangenen Schlachten mit Pelarien gefallen waren. Hübsch ist der grün gehaltene Jagdpavillon in Pelarien, mit Anleihen bei der zeittypischen Chinoiserie-Mode. “In Dyonien ist ein Wanderprediger aufgetaucht”, schrieb Kiedorf an Bätz vom 14.11.1994. “Er eifert über mangelnde Achtung der Götter, fehlende Rutschlust, Vernachlässigung der alten Sprache, Verweltlichung, verlangt Kapellen, Einsiedeleien, wenigstens Hausaltäre und was noch alles.” Dies war der Ausgangspunkt für die Gruderich-Religion. In Dyonien entstand das Kloster “Heilig Schläuchen” der Jonesienser und in Pelarien eines für die “Unbeschuhten Schwestern der heiligen Grude” in Dyonien. Entsprechend dem Schöpfungsmythos des Philosophen Cäsar Bull gelten die beiden Erfinder der Inselwelt als “Götter”, deren Verwandte aber als “Baseriche” (base = Teufel, böse), wohl weil sie für Pelarien und Dyonien nicht viel übrig hatten. Dem Religionsstifter Gruderich (abgeleitet vom “Grude-Ofen”)[3] wurde eine Grotte gewidmet, gekrönt vom “Tempel des Lichts” – hier lebte er als Einsiedler, bis er verstarb.

Die Zahl entzückender Szenen und Anspielungen scheint unendlich. Vielleicht schafft es ein Doktorant der Kulturwissenschaften eines Tages, das Beziehungsgeflecht der Dyonier und Pelarier vollständig zu entschüsseln und zu dokumentieren. Grundlage hierzu könnten die etwa 2.500 Briefe sein, die sich die Rollenspieler im Laufe der Zeit sandten [4].

Abenteuer, Glanz und Muße

Die Inselwelt-Erfinder hatten nie den Anspruch, einen gesellschaftlichen Querschnitt zu schaffen, ein soziologisch und ökonomisch schlüssiges Gesamtbild. Rococo en miniature war in seinen Anfängen mit seinem nahezu perfekten Prunk und Glanz eher ein fantastisches Gegenbild zur Enge und materiellen wie seelischen Armut der DDR; ein Hobby, das in dieser Zeit auch nur heimlich betrieben wurde. Folgerichtig sieht man keine Handwerker, Bauern oder (Land-)Arbeiter; bloß die pelarische Hofküche oder die bäuerliche Gastwirtschaft “Zum halben Pfennig” lassen ahnen, dass nicht nur geprunkt, sondern auch gearbeitet werden muss und es mitunter derb zugeht im Leben.

Im hinteren Ausstellungsteil läuft eine MDR-Dokumentation: Wenn über 70-jährige Männer mit Papierkügelchen durch Strohhälme gegnerische Miniatursoldaten umblasen, so hat das für viele zunächst etwas Befremdliches, Weltfremdes. Doch wieso eigentlich? Ob SecondLife, Forge of Empires (FoE) oder die Sims – den Wunsch zum Aufbau einer Parallelwelt, die man gottgleich führt und gestaltet, sollte man im Smartphone-Zeitalter gut verstehen können. Spieldrang und Kreativität sind an kein Alter gebunden. Wer spielt, übt für die (echte) Welt. Kiedorf sinngemäß: “Prunken ist erquicklich, Sinnfragen sind sofort zu verdrängen”.


[1] (Rem) Rococo en miniature – Die Schlösser der gepriesenen Insel, 2008, S. 11.
[1.1] Zeit online: Chinesische Sonde landet auf der Rückseite des Mondes
[2] Rem, S. 73. Inschrift auf dem Tympanon von Schloss Pyrenz. Etwa: “Freue Dich, der König ist und bleibt der König”.
[3] Der Grude-Ofen stand noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in vielen thüringischen Haushalten: ein gußeiserner Ofen, der mit Koks betrieben wurde. Die ersten Kreationen von Bätz und Kiedorf waren bemalte Halmafiguren, dann wurden sie aus Pappmasché angefertigt, dann aus einer Art Mehlteig, und brauchten zur Trocknung Ofenwärme. Später verwendeten beide Draht und Zahnzement.
[4] Nach gemeinsamer Schulzeit und Aufenthalten in Weimar und Erfurt ging Kiedorf nach Berlin, wo er als Bühnenbildner und Karikaturist tätig war. Bätz blieb in Sonneberg, konnte 1986 in die BRD ausreisen und lebt in Fulda, wo er bis 2000 als Restaurator arbeitete.


Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.