Rund um den Hammerknuden

Der Rundweg startet nordwestlich von Sandvig an einem Campingplatz mit Blick auf die Erbseninseln (Ertholmene), die sich bei guter Sicht heute als dünne Pizza in der östlichen Ferne abzeichnen. Die Sonne scheint. Diese Farben! Rot-violette Erika, grünes Gras, rötlich schimmernder Granit, blauschwarzes Meer. Der Horizont eine wie mit dem Messer gezogene Linie zum strahlend blauen Himmel. Klare Luft und weite Sicht. Kein Wunder, dass sich im 19. und 20. Jahrhundert viele nordeuropäische Maler vom dänischen Bornholm angezogen fühlten und vor allem Licht und Farben der Ostsee-Insel liebten [1]. Der Hammerknuden beherbergt endemische Flora und manche Pflanzenarten, die sonst selten geworden sind, und die man in Deutschland zum Beispiel eher im Süden findet: pinkfarbene wilde Pechnelken, gelbe Katzenpfötchen, kleine blaue Glockenblumen [2].

Zunächst ist alles beschaulich, eher ein Spaziergang zwischen weiß getünchten Steinen, die den Weg entlang der Küste markieren. Der Hammerknuden ist etwa 82 Meter hoch und auf der östlichen Seite liegt alles meistens im Windschatten. Man blickt auf die in der Ferne aufgewühlte See und sitzt auf einer Bank, während sich hier kaum ein Lüftchen rührt.


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Dies ändert sich beim Näherkommen am Lille Fyr (kleinen Leuchtturm), dem nördlichsten Punkt Bornholms. Heute fegt der Wind mit Stärke 5-6 aus Südwest über den Hammerodde und die Brandung braust und schäumt. Bis zur Ruine der Salomons Kapel brechen sich die Wellen stetig an der westlichen Granitküste, heute sind sie mit einer Höhe von 1-2 Metern recht dramatisch für die Ostsee. Es gibt immer wieder kleine Buchten, an denen man sich dem Naturspektakel nähern kann. Schafe grasen ungerührt direkt hinter den Wellenbrechern.


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Salomons Kapel (links) [3] wurde Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut, die Ruinen lassen auf einen kleinen Raum und späteren Anbau schließen und auf eine „Heilige Quelle“, von der allerdings nichts mehr zu sehen ist. Spätestens nach der Reformation fand die kleine Kapelle Anfang des 16. Jahrhunderts keine Besucher mehr und begann zu verfallen. Nur die Glocke hat sich erhalten und bimmelt jetzt in der Kirche des nahen Allinge mit. Der Blick auf die tosende See ist hier am schönsten, der Ort für die Kirche war gut gewählt. Auch wenn dafür histo­risch gesehen wohl eher eine nahe Heringsfischer-Siedlung verantwortlich war, von der es keine Spuren mehr gibt.


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In einer Bucht sind Steintürmchen zu sehen, eine nette neue Marotte: Jeder Vorüberkommende schichtet ein wei­te­res Steinchen auf, mit der Zeit entsteht ein regelrechter Türmchen-Park und erinnert an die jüdische Sitte, zum Gedenken Kiesel auf einem Grab­stein abzu­legen – um die Toten zu ehren und in Stille Anteil zu zeigen. So drücken die Vorüber­kommenden heute ihre Anteil­nahme am beein­drucken­den Natur­schau­spiel aus.


Uns begegnen Wanderer mit Berg­steiger­pickel. Ist das nicht über­trieben für eine Anhöhe, die kaum 100 Meter hoch ist? Aber wenig später schraubt sich der Wande­rweg am Øme­bjerg und Lindesdal über rut­schige Basalt­felsen recht steil nach oben. Der Blick wird weiter, die Steilküste schroffer. Es geht zwar nicht direkt an einem Abgrund entlang, aber die Bergflanke fällt rechts deutlich ab und weiter unten auch als felsige Steilküste senkrecht einige Dutzend Meter zum Meer.


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Am Kongestolen weitet sich der Blick auf die Burgruine Hammershus, die zum Greifen nahe scheint, gut einen Kilometer südlich, hinter dem Hammer­havn. Nord­europas größte Burg ist vermut­lich um 1200 ent­standen und Ende des 13. Jahr­hunderts fertig gestellt worden. Die beein­druckende Festung war Sitz des Erz­bischofs von Lund, Jens Grand, der sich auf den steilen Klippen gegen den däni­schen König ver­tei­digte. Dennoch konnte die Festung immer wieder nach länge­rer Bela­gerung eingenommen werden. Mitte des 16. Jahr­hunderts gelangte die Burg in den Besitz der Lübecker Hanse, die sich unter den Born­holmern wenig Freunde machte. Die Burg jedoch erlebte eine neue Blüte­zeit und wurde mit Lübecker Tonziegeln ausgebaut und verbessert. Die Ziegel heben sich farblich deutlich vom Granit der alten Burg­mauern ab. Nach Rück­gabe an die Dänen wurde das Gemäuer Sitz von Gericht, Gefängnis und Hinrichtungs­stätte, bis es ab 1743 verfiel und schließ­lich nur noch als Stein­bruch genutzt wurde.


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Links: Deutlich heben sich die Lübecker Ziegeln vom Granit der Burg ab. Rechts: Dies war für manchen Gefangenen sein letzter Gang – ins dunkle Burgverlies.

Der Rundweg führt nun wieder ins Landesinnere, am Opalsø vorüber, wo Todesmutige aus 50 Metern Höhe mit bis zu 60 Stundenkilometern 290 Meter lang über und in den See rutschen, der kreisrund wirkt und an eine Vulkan-Caldera erinnert. Andere schwimmen oder springen von der etwa 10 Meter hohen Felsenkante ins Wasser.

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Der etwa zehn Meter tiefe Opalsø verdankt seinen Namen der schmutzig-grünen Farbe seines Wasser und seine Entstehung einem deutschen Großhändler namens Martens, der 1873 den Hammerknuden der Gemeinde Allinge-Sandvik abkaufte, um Granit abzubauen. Das lief aber erstmal nicht so erfolgreich, bis der deutsche Unternehmer Baron Heinrich von Ohlendorff 1891 übernahm. Der berühmte rötliche Hammer-Granit wurde für Pflastersteine in Norddeutschland und Berlin benötigt. Das „Allinge Hammeren Granitværk“ beschäftigte zeitweise mehrere hundert Menschen und baute für den Abtransport 1892 extra einen neuen Hafen – den noch heute genutzten Hammerhavn [4]. Als der 1. Weltkrieg begann, musste der Granit-Baron das Feld räumen. Auf alten Gemälden sieht man an der Stelle des Sees einen Berg – dies lässt ermessen, welche Mengen hier gewonnen wurden.

Dagegen verdankt der längliche Hammersø seine Entstehung der letzten Eiszeit. Er ist heute ein naturbelassenes, beschauliches Gewässer, an dessen nordöstlicher Spitze nur ein moderner Hotelkomplex das Bild stört. Dort sitzen Leute auf dem Balkon und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Noch einmal führt der Rundweg etwas nach oben, sofern man nicht lieber direkt die Straße nach Sandvig nimmt, und stößt dann rechts wieder auf den Campingplatz. Hier findet man sich in der Windstille wieder, die am Anfang der Rundwanderung schon so angenehm überraschte.

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Fußnoten

[1] Dazu zählten die Romantiker Anton Kieldrup und Viggo Fauerholdt, der Naturalist Vilhelm Kyhn. Vom Impressionismus beeinflusst waren Michael Ancher, Holger Drachmann, Laurits Tuxen, Kristian Zahrtmann. Zur sogenannten Bornholmer Schule zählen Niels Lergaard, Kræsten Iversen, Edvard Vele, Oluf Høst. 

[2] Nur auf Bornholm finden sich z.B. der nordische Streifenfarn (Asplenium septentrionale), Echte Mondraute (Botrychium lunaria), Spieß-Helmkraut (Scutellaria hastifolia) oder Weißer Mauerpfeffer (Sedum album). Es gibt Vorkommen des nordischen Moosglöckchens (Linnaea borealis), Orchideenarten des breitblättigen und Gefleckten Knabenkrauts (Dactylorhiza majalis und maculata). 

[3] Die Kapelle ist nicht nach dem biblischen König Salomon benannt, sondern vermutlich nach dem Dominikaner Salomon, der 1221 in Köln einen Konvent gründete und als einer der „heiligen Männer“ der Dominikaner galt, siehe Wikipedia

[4] Opalsøen – ein Teil der Geschichte

Beitragsbild: Mirke, 14.08.2019.

7566.1   Mirke (für 2 Fotos), 14.08.2019.  

7566.2   Mirke (für 2 Fotos), 14.08.2019.  

7566.3   Mirke, 14.08.2019.  

7566.4   Mirke, 14.08.2019.  

7566.5   J. U. Bredsdorff, 1881: Loevehovedet ved Hammeren, gemeinfrei, 14.08.2019. Foto Mirke, via Bornholms Kunstmuseum, 14.08.2019.  

7566.6   Mirke, 14.08.2019.  

7566.7   Mirke (für 2 Fotos), 14.08.2019.  

7566.8   TV Øresund  Youtube-Terms, 17.09.2021.  

7566.9   Holger Drachmann: Hammersø 1870, Public domain, Foto Mirke, via Bornholms Kunstmuseum, 14.08.2019.  

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