Kaltes Pflaster, kein Problem
Pflastersicht Dresden
© Bildrechte: Ekrim 2012

Wenn man jung ist, aus Europa stammt und Urlaubsfotos macht, dann muss es etwas Ausgefallenes sein. Grimassen-Selfies! Das millionenfache Motiv “Mama auf dem Parkplatz” reicht längst nicht mehr aus! Man balanciert einbeinig auf einer Mauer vor einer Statue, wirft die Arme in die Luft und/oder reißt den Mund auf, macht eine Grimasse oder wirft etwas in die Luft. Man nimmt sich in den Arm, lacht breit, macht eine verrückte Geste, erstarrt für einen Moment. Der Kamera-Button befreit aus der Lähmung und alle laufen wieder wortlos, unauffällig und langweilig auseinander. Das Foto bildet die punktuelle Wirklichkeit ab, nicht die Wahrheit. SecondLife bei Instagram – schöner als das echte Leben. Es soll ja Leute geben, die sich für Instagram-Selfies Markenklamotten und -taschen, sogar Nobelautos von Unbekannten leihen.

Vor der Dresdner Frauenkirche reicht die scheckige Fassade des Wiederaufbaus nicht als Motiv; man postiert die mehrköpfige Reisegruppe davor und jeder macht irgendwelche Grimassen und Faxen. Die junge Frau, wahrscheinlich eine Spanierin, legt sich rücklings aufs winterlich-kalte Pflaster, um eine ungewöhnlichere Bottom-Up-Perspektive der grimassenschneidenden Mitreisenden zu bekommen.

Besucher aus Japan oder China, früher als wilde Knipser verschrien, wirken heute unauffällig. Ihnen geht es nur darum, später den Daheimgebliebenen zu beweisen, dass man wirklich dort gewesen ist. Asiaten, auch jungen, reicht daher meist eine faxenlose Pose z. B. auf einer historischen Treppe oder vor einem der Gebäude des Zwingers (Beitragsbild). Als höflicher Mensch latscht man nicht einfach durchs Bild, die nette Geste bleibt unbeachtet.

Die Smartphone-Ära hat der Foto-Wut keinen Abbruch getan. Überall klickt und leuchtet es, werden Auslöser getoucht und digitale Fotoalben gefüttert, auch da, wo es eigentlich verboten ist – what shall’s! Das eigene Leben wird illustriert und zelebriert, dokumentiert und paraphrasiert. Wir machen eine Fotosession, die Welt gibt den passenden Background für unser Posing. Sich aus der Masse der Tweeter, Facebooker und Youtuber herauszuheben verlangt Einsatz – kaltes Pflaster, kein Problem.

Frauenkirche Dresden, Innenansicht

Verschlungene Galerien wie in einem Theater in der barockenen Frauenkirche.
© Bildrechte: Ekrim 2012

 

Frauenkirche Dresden

Bei blauem Himmel ist die Welt in Ordnung …
© Bildrechte: Ekrim 2012

 

© Rechte am Beitragsbild: Ekrim 2012

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