Blutmond

Es ist Nacht. Der warme asiatische Wind bringt die Hütte zum Schaukeln. Sie steht auf Bambusstelzen, damit die Ratten sich nicht einnisten. Und die Schlangen haben es etwas schwerer. Die Wände sind dünn, mit Lehm verputzter Schilf. Mein Mädchenzimmer ist schmuddelig. Ich kann wegen des Windes nicht schlafen und stehe auf, taste mich im Dunklen ans Fenster. Von dort kann ich in eine billige Spelunke sehen, wo Männer sich bis in den frühen Morgen betrinken, auch einige Frauen. Sie sitzen den Männern auf dem Schoß, mehr will ich gar nicht wissen. Der Lärm stört mich nicht, ich höre gar nicht hin.

Die anderen schlafen. Mein relativ großes Zimmer wurde leer geräumt, es ist aber noch immer ein ziemlich trauriges Chaos. Traurig, dass ich für die nächsten Wochen so leben muss: schmutzige Wände, ein Bett, daneben ein Waschtisch mit zwei Warmwasserboilern, immerhin. Einer, der geht, der andere ist kaputt. Fließendes warmes Wasser ist ein Luxus. Es gibt sonst keinen Strom – außer für den Boiler – also auch kein Licht. Im Dunkeln kann ich nur ahnen, wo die Wände sind.

Meine liebe Freundin ist in einem anderen Zimmer untergebracht, irgendwo in dieser Hütte. Die neue “Mama” wohnt auch hier. Alle schlafen. Eine große Gemeinschaft, haha. Trotzdem denke ich nämlich, fühle ich mich wie im Knast. Tagsüber hart arbeiten und abends im Zimmer. Das ist mein Leben.

Irgendjemand hat mein Bett am Kopfende hochgeklappt, so kann ich aber nicht schlafen. Ich versuche, das Kopfende wieder runter zu klappen, aber es gelingt mir nicht. Das verstärkt mein Gefühl der Einsamkeit, der Hilflosigkeit. Ich bin meinem Schicksal ausgeliefert, kann nichts machen. Und es ist irgendwie gespenstisch, so in der Nacht, in der Hütte so dunkel und still. Ist da was im Zimmer? Vielleicht eine Maus. Oder ein anderes Tier.

Ich stehe auf und gehe nach draussen, ich muss jetzt raus, auch wenn sie mich gewarnt haben. Der halbe Mond scheint rötlich. Blutmond. Gehe den kleinen wilden Pfad durchs Gras hinunter bis zur schmalen Strasse. Will nur ein bisschen raus, das Knastgefühl loswerden. Unten kurz vor der Straße stehen zwei Mädchen. Sie sind so alt wie ich, aber viel besser gekleidet. Sie erzählen sich was und lachen, beachten mich gar nicht.

Ich gehe ein Stück auf der Straße, da fährt mir langsam eine schwarze Limousine entgegen und hält. Vielleicht werden die beiden Mädchen abgeholt und heimgefahren, denke ich, hoffe ich. Aber die Mädchen sind schon weitergegangen, verschwunden. Ich will den Weg wieder hochgehen, zurück zur Hütte, aber das Auto überholt mich und ist schneller. Ich will daran vorbei, weiche aus, aber die haben einen Fänger montiert. Davor haben alle hier Schiss. So ein Fänger erinnert entfernt an eine Egge, wie sie Traktoren über die Felder zu ziehen, um das frisch gepflügte Land für die Saat zu ebnen. Nur dass in diesem Fall ich das frisch gepflügte Land bin. Und dass ein Fänger mit Metalldornen besetzt ist und mit Fleischerhaken zwischen den Fangeisen. Manche der schwarzen Autos haben die Fänger hinten, manche vorn. Damit können sie einen wie ein wildes Tier einfangen, was immer eine ziemlich blutige Angelegenheit ist. Sie brauchen dazu nicht mal auszusteigen.

Das Auto rast rückwärts auf mich zu und ich gerate zwischen die Dornenketten. Ich trete rein, weil ich gar nicht mehr anders kann. Ich rechne mit dem schlimmsten. Aber ich gebe nicht auf. Ich werde meine Haut heute teuer verkaufen, ganz sicher. Hänge nun hinten am Kofferraum der Limousine, so weit kommt selten jemand, und zerkratze denen mit den Fleischerhaken den schönen Lack immer und immer wieder. Es kreischt und knirscht, während meine Beine bluten. Klar – nun werden sie richtig wütend. Die Autos sind ihnen heilig. Aber wenn sie mir was antun, dann soll das richtig schön teuer werden.

Obwohl das Auto hin und her fährt, sich manche Haken tiefer in mein Fleisch bohren, kann ich zwei Haken von den Ketten lösen, bewaffne mich mit ihnen. Das Auto bleibt jetzt stehen, wahrscheinlich will mir einer dieser Gangster jetzt den Rest geben, nachdem ich das Auto ruiniert habe. Aber ich nutze die kurze Chance, nehme alle Kraft zusammen und reisse die Beifahrertür auf, ziehe erst dem einen, dann dem anderen, schnell einen Haken durch die Kehle. Ich habe mir das gar nicht überlegt, es geht sehr schnell. Die sind völlig überrascht. Ihr Blut spritzt, eine ganz schöne Sauerei. Die machen nichts mehr.

Da kommen auch schon jede Menge Leute gelaufen, während ich noch zitternd dastehe und geschockt bin. Sie haben die Polizei gerufen. Die ist so schnell da, als hätten sie um die Ecke gewartet. Die Uniformierten zielen auf mich, ich halte regungslos die Hände hoch, bis mir die Arme wehtun. Sie halten mich fest, reden Chinesisch auf mich ein. Ich sage nur: wo bu dong chong wen. Do you speak English? Obwohl ich es nicht gut kann. Vielleicht hilft es, denke ich, dass sie mich nicht gleich abknallen. Aber natürlich verstehe ich alles, was sie sagen. Wie lang ich hier bin, fragt mich der eine. Vier Wochen, sage ich schließlich.

Sie sind überrascht, aber auch zufrieden, lächeln fast. Sie fragen nicht, was es mit den zwei Toten und meinen Verletzungen auf sich hat. Aber ich werde eingehend untersucht. Zuletzt schmieren sie mir auch irgendwas in die Ohren, zwei schauen mit irgendwelchen Geräten rein. Einer links, einer rechts. Jetzt hör ich nichts mehr, sag ich noch. Was suchen sie in meinen Ohren? Sie sind vorsichtig, aber ich habe kurz Angst, dass sie mich foltern, meine Trommelfelle zerstören. Aber das passiert nicht. Vielleicht haben sie gedacht, ich wäre verkabelt oder so. Hätte auf Befehl gehandelt.

Wenig später bin ich allein, stehe noch immer ein bisschen unter Schock. Ich gehe langsam den Weg hoch, zurück zu Hütte. Ich bin noch ziemlich aufgeregt. Die Verletzungen werden heilen. Sie haben mich nicht mitgenommen, ich weiss nicht, warum. Aber das Auto und die Leichen haben sie mitgenommen. Die Menge hat sich zerstreut. Es ist, als wäre nichts passiert. Ich suche kurz nach dem Schlüssel, aber die äussere Tür der Hütte ist nicht verschlossen. Die innere Tür ist es aber sonst immer.

Nur jetzt nicht, sie ist offen. Ich bekomme Angst. Kein Laut ist zu hören. Im rötlichen Mondlicht sehe ich, dass drinnen das totale Chaos herrscht. Die wenigen Dinge, die wir besaßen, liegen auf dem Boden herum. Ich will gar nicht in die Hütte. Sie waren hier. Die Stille bringt Gewissheit. Ich weiß, was ich drinnen finden würde: Blut und tote Menschen. Ich hocke auf der kleinen Holztreppe und jaule leise wie ein Wolfsjunges, wimmere lange vor Verzweiflung. Ich weiß nicht, was aus mir wird.


Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.