Riesige Pilze mitten in Sevilla

Die Sevillanos nennen sie im Spaß “Setas” (Pilze), die Gebilde aus Holz, Beton und Stahl des Berliner Architekten Jürgen Mayer H., welche seit 2011 die “Plaza de la Encarnación” im Zentrum Sevillas überspannen. Mayer erhielt 2004 den Auftrag zur Ausgestaltung des Platzes, Baubeginn war 2005 [1]. Was dabei herauskam, offiziell “Metropol Parasol” (etwa: großstädtischer Sonnenschirm) genannt, ist gewöhnungsbedürftig. Aber Wahrzeichen müssen nicht schön sein, siehe das Atomium in Brüssel oder auch der Pariser Eiffelturm, der zumindest zu seiner Zeit als hässlich galt [2].

Metropol Parasol in Sevilla
Alt und Neu: Metropol Parasol



Grenzstation Sarki (Georgien – Türkei) von Jürgen Mayer H.

Jürgen Meyer H. kann nicht als Vertreter ökologischen Bauens gelten, seine Gebäude wie der Grenz­über­gang Sarpi (Georgien – Türkei), haben etwas Massives, Einschüchterndes, um nicht zu sagen Beton-Klotziges. Das Sarki-Gebäude (rechts) sieht aus wie ein Querschnitt, eine ins Riesige skalierte Scheibe orga­ni­schen Materials. Doch ist trotz der Rundungen kein Einfluss etwa Hundertwassers zu spüren – eher könnte man noch eine Verbindung sehen zu Erich Mendelsohn und dessen Einsteinturm in Potsdam. Auch hier beherrschen fließende Formen das Bild, die fast organisch wirken. Jedenfalls mehr, als es eine rechtwinklige Struktur aus Stahl und Glas je könnte.

Meyer kam zum Baustoff Holz eher zufällig, nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Architektur “nachhaltiger”, “natürlicher” oder “menschlicher” werden müsse. Holz erfüllt die Ansprüche an Elastizität, Verarbeitung und Gewicht am besten, die eine schnell aufs Papier skizzierte oder am Computer entworfene geschwungene Form wie die “Setas” benötigt. Besser jedenfalls als ein mit perforiertem Blech bekleidetes Stahltraggerüst, wie es im Wettbewerbsentwurf zunächst vorgesehen war [3]. Die 28 Meter hohen und eine Fläche von 11.250 Quadratmetern (= 1,125 Hektar) überspannenden Pilze [4] wirken an den sechs Stielen – also dort, wo wir kleinen Menschen herumlaufen – nicht gerade leicht und luftig. Die Betonfüße mit einem Durchmesser von 10 bis 15 Metern [5] müssen das Gewicht von 500 Tonnen Stahl und 3.500 Kubikmetern finnischer Furnierschichtholzplatten des Typs Kerto® LVL Q-panel [6] (Fa. Finnforest Merk in Aichach, Metsä Wood) tragen, zusätzlich – auf speziellen Wunsch des Bauherren – einen 40 Meter langen Skywalk und ein Dachrestaurant. Sie stehen nicht rechtwinklig im Grund, sondern schräg und wölben sich am Fuß trichterartig nach außen. Damit bieten sie Skatern bessere Herausforderungen als eine simple Tube. Die Gummiräder der Skateboards hinterlassen ebenso ihre Spuren wie die Graffiti-Sprayer.

Der Platz unter den Pilzen ist recht einfallslos: eine mit Steinplatten bepflasterte kahle Fläche, auf der nur einige wenige Steinbänke stehen. Im Untergeschoss findet sich ein archäologisches Museum mit Ausgrabungen der römischen Stadt Hispalis. Darüber, zwischen dem Untergeschoss und dem leeren Platz mit den Pilz-Stielen, ist eine 2.155 m² große Markthalle untergebracht [7].


Die Konstruktion aus der Luftperspektive: schon nach 9 Jahren leicht ergraut (Google).

Das polyurethan(PUR)-beschichtete und zusätzlich UV-versiegelte Holz der Dachformation bildet keine geschlossene Abdeckung, sondern 1,5 x 1,5 Meter große luftige Quadrate (“Pixel”), durch die Sonne bei senkrechtem Einfall auch bis auf den Boden fällt. Die Verschattungen ändern sich minütlich und zeigen abwechslungsreiche Optiken und Lichtperspektiven. Kontrastreiche Perspektiven bieten sich auch durch die Lage des Bauwerks inmitten der Altstadt Sevillas. Altbauten des 19. Jahrhunderts stoßen scheinbar fast an die Dachkonstruktion.

Zum Parasol-Platz gelangt man über eine große Treppe

Links: Zum Parasol-Platz kommt man über eine breite Treppe. Rechts: Alt und Neu – spannender Kontrast oder Geschmacksverirrung?


Der damalige Bürgermeister von Sevilla, Alfredo Sánchez Monteseirín (PSOE), wollte 2004 keine simple Platzumgestaltung, sondern ein Jahrhundertwerk, welches das gesamte Viertel prägen sollte. Die Architekten bejubeln sich: “Metropol Parasol ist ein multifunktionales Projekt, das den vormals ungenutzten Plaza de la Encarnación in einen einmaligen, unverwechselbaren Platz voller städtischem und touristischem Leben verwandelt” [8]. Für das Design erhielt Mayer den Preis “Best of the best 2012” des Red Dot Design Awards und das Bauwerk wurde für den “Mies van der Rohe Award 2013” nominiert [9].

Ob die Setas allerdings wirklich 100 Jahre überdauern werden, kann man bezweifeln. Zwar hat die Konstruktionsfirma die Haltbarkeit der PUR-versiegelten Holzelemente durch Temperierung des Epoxid-Harzes auf 70° C erhöht [10], doch kann es – gerade wenn man ans Klima der Zukunft denkt – auf direkt bestrahlten Oberflächen im Süden Spaniens durchaus 80 Grad heiß und heißer werden [11]. Hinzu kommt die UV-Strahlung. Die Materialbeanspruchung ist also enorm. Das betrifft auch die stählernen Querverstrebungen in den “Pixeln” und die Metall­winkel, welche für die Stabilität der Konstruktion wesentlich sind. Sevilla hat im Jahr 300 Sonnentage und verzeichnete im Jahr 1995 den Hitzerekord von 46,6 Grad im Schatten [12].

PS10 solar power tower 2
Das Solarkraftwerk PS10 in der Nähe von Sevilla. Über Spiegel wird die Hitze konzentriert, Wasser verdampft und über Turbinen Strom erzeugt. Man wählte diesen Ort wegen der hier besonders intensiven Sonnenstrahlung. Foto von afloresm – SOLUCAR PS10 (2), CC BY 2.0.

Eine Studie geht davon aus, dass die 2-3 mm dicke Polyurethanbeschichtung der Setas alle 8 Jahre neu versiegelt werden müsse (das wäre 2019 gewesen) und eine Gesamthaltbarkeitsdauer von 40-80 Jahren haben könne [13]. Langzeiterfahrungen liegen für Schichtholz mit PUR-Versiegelung aber noch nicht vor [14], die Setas sind technisches Neuland. Kritiker befürchten aus diesen Gründen eine künftige teure “Stadtruine” im Herzen der traditionsbewussten Stadt, vergleichbar dem unsäglichen “Bierpinsel” in Berlin-Steglitz.

Die “riesige urbane Skulptur” [15] ist auch aus anderen Gründen umstritten. Kritiker wie der spanische Journalist Carlos Mármol Mendoza warfen dem damaligen Bürgermeister von Sevilla vor, sich mit dem Bauwerk lediglich ein persönliches Denkmal setzen zu wollen. Die Veränderung sei ohne Bürgerbeteiligung nur durch einen Ideenwettbewerb entschieden worden, durch eine Jury von Fachleuten aus Architektur und Politik auf Kosten der Anwohner. Dabei sei der ursprüngliche Entwurf mit den Jahren immer weiter “verfälscht” worden, was im übrigen auch die Architekten beklagen. So fiel die Platzgestaltung mit Pflanztrögen, Sitzgelegenheiten und Wasserbecken weitgehend dem Rotstift zum Opfer [16]. Entwurfsänderungen kamen auch durch technische Probleme zustande, die zu einer mehrfachen Verschiebung der Fertigstellung und einem unplanmäßigen Anstieg der Kosten führten. Wesentliche Ursache war laut Mendoza eine “unzureichende Gründung”, bei deren Berechnung das Gesamtgewicht der Bedachung nicht richtig berücksichtigt wurde.

Espacio Parasol Sevilla

Ein historisch wichtiger, öffentlicher Platz sei unter Leitung des Privatunternehmens Sacyr Vallehermoso S.A. zu einem extrem hohen Preis privatisiert worden – “‘Metropol Parasol’ ist weniger ein öffentlicher Platz als ein Gewerbekomplex unter der Leitung eines privaten Unternehmens” [17]. Sacyr dürfe den Platz für 40 Jahre gewinnorientiert betreiben. Die Finanzierung von mind. 123 Millionen Euro sei mit Mitteln geschehen, die für “gesamtstädtische Maßnahmen”, also Soziales, vorgesehen waren. Somit seien mit knapper Mehrheit städtische Haushaltsmittel dazu mißbraucht worden, ein privates Unternehmen zu fördern. Selbst der Consejo Consultivo de Andalucía (höchstes Justizorgan der Regionalregierung) riet in einem Gutachten von dieser Verwendung der Mittel ab, und auch die Vereinigte Linke (IU), d.h. die aktuelle Mehrheitspartei im Gemeinderat, distanzierte sich davon.

Mendoza erinnert daran, dass die “Jahre der Megalomanie” in der Architektur weltweit vorüber seien und man nun andernorts deutlich nachhaltigere Projekte entwickele. Er prophezeit: “Das Bauwerk wird rasch altern und am Ende ein Beispiel für eine Phase der Architektur bleiben, die zum Glück bereits überwunden ist” [18].

Vielleicht hätte es ja eine einfachere Konstruktion auch getan: Quer über den Platz an Masten gespannte Sonnensegel aus weißem Stoff, wie sie in vielen Gassen Sevillas traditionell für Schatten sorgen. Möglicherweise auch kombiniert mit Solarpaneelen zur Stromerzeugung … Übrige Gelder wären in einer “menschlicheren” Gestaltung des öffentlichen Platzes gut angelegt gewesen: ein Kinderspielplatz, gemütliche Sitzecken, Cafés, ein täglicher Markt, ein Kino oder Flamenco-Theater, eine Konzertmuschel, vielleicht eine Grünanlage mit Wasserspielen, Kioske …


Literatur

(PW) Philip Wilkinson: Architektur – 50 Schlüsselideen, ISBN: 987-3-8275-3065-6.
(HD) Hajo Düchting: Wie erkenne ich? Moderne Architektur, ISBN: 978-3-7630-2480-3.
(TF) Turit Fröbe: Die Kunst der Bausünde, ISBN: 978-3-86995-053-2.


[1] Strukturae: Metropol Parasol
[2] Merkur: Der hässliche Eiffelturm. Ein Jahr mit den Goncourts (XI). Französische Künstler versuchten sich mit einer Resolution gegen den Turm zur Wehr zu setzen – Kunst gegen Architektur, (HD) S. 9.
[3] db-bauzeitung: Schattiger Schaulauf
[4] baunetz.de: Wolkenpromenade in Sevilla – Bildstrecke zum Metropol Parasol von J. Mayer H.
[5] Forum-Holzbau: Metropol Parasol Sevilla – ein neues Wahrzeichen für den Ingenieurholzbau, S. 6.
[6] FH Finnholz: Kerto‑Q
[7] baunetzwissen.de: Metropol Parasol in Sevilla – Komplexes Holztragwerk als Sonnenschutzdach
[8] Forum-Holzbau: Metropol Parasol Sevilla – ein neues Wahrzeichen für den Ingenieurholzbau, S. 14.
[9] Wikipedia: Metropol Parasol
[10] Forum-Holzbau: Metropol Parasol Sevilla – ein neues Wahrzeichen für den Ingenieurholzbau, S. 9.
[11] Süddeutsche Zeitung: Wie bepflanzte Dächer Gebäude kühlen: “Ähnliche Daten gibt es aus Chicago: Während die Temperatur eines begrünten Daches im Sommer zwischen 33 und 48 Grad schwankte, stieg die eines benachbarten kahlen Daches auf bis zu 76 Grad.”
[12] Wetterzentrale Forum: Montoro wird nicht als offizieller Hitzerekord geführt. “Die zum Hauptmessnetz der AEMET gehörende Station Córdoba übertraf den alten Rekord von 46,6 °C vom 23. Juli 1995.”
[13] irbnet.de: Hybride Holzkonstruktionen mit Polyurethan, S. 34.
[14] irbnet.de: Hybride Holzkonstruktionen mit Polyurethan, S. 24: “Aufgrund des Mangels an Erfahrung mit PUR-Beschichtungen auf Holz und fehlenden wissenschaftlichen Studien […] besteht hier ein Forschungsbedarf”.
[15] baunetz.de: Wolkenpromenade in Sevilla
[16] db-bauzeitung: Schattiger Schaulauf
[17] + [18] Bauwelt.de: Metropol Parasol: Die falsche Avantgarde

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