Raketen aus Peenemünde I: Die Anfänge

Peenemünde ist mehr als eine landschaftlich reizvolle “location” (Beitragsbild) an der Westseite Usedoms mit zahlreichen “lost places”, es ist ein Begriff. Denn Peenemünde steht für die deutsche Raketenforschung und -entwicklung, die ab 1929 in Berlin-Reinickendorf und dann auf dem Militärgelände bei Kummersdorf (Nähe Berlin) begann, auf dem Peenemünder Testgelände ab 1937 mit wachsendem Aufwand betrieben wurde und schließlich – unter anderem – zur bekannten “V2” führte, die am 3. Oktober 1942 als erster men­schen­ge­mach­ter Flug­körper den Welt­raum berührte [1]. Engagierte Militärs wie Walter Dornberger erhofften sich von Raketen schon Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Fortentwicklung der Artillerie [2]. Schwere Artillerie war Deutschland nach dem Versailler Vertrag verboten worden [3], so stellten sie sich eben “selbstfliegende Geschosse” vor und wollten mit innovativer Artillerie-Entwicklung, in der Grauzone des Versailler Vertrages, rüstungstechnisch “überholen ohne einzuholen” [4].

Wir alle, die wir heute leben, können von Glück sagen, dass die deutsche Nuklearforschung 1939-1945 gegenüber der amerikanischen zurücklag – sonst würde es uns möglicherweise gar nicht geben. Das mag einerseits am inneren Widerstand des deutschen Physikers Werner Heisenberg gelegen haben, der sich auf die Entwicklung einer zivilen Atomenergie-Nutzung konzentrierte statt auf eine Bombe und gegenüber Rüstungsminister Albert Speer die Möglichkeit einer Plutonium-Bombe verschwieg [5]. Zum anderen fehlte es Deutschland glücklicherweise an Ressourcen, wie sie im geheimen Manhattan-Projekt in den USA zur Gewinnung des Isotops Uran 235 für die erste Bombe eingesetzt wurden. Hätte man die V2 schließlich mit thermonuklearen Sprengköpfen bestückt – welches Unheil und Elend wäre über Europa und sogar die USA zusätzlich gekommen!


Häftlinge des KZ Ebensee am 7. Mai 1945 nach der Befreiung

Schon ab 1940 gab es in der Versuchsanstalt Peenemünde erste Pläne auch für eine mehrstufige Rakete, erste Überlegungen gehen sogar auf das Jahr 1936 zurück [6]. Die Rakete A9/A10 mit einer Reichweite von 4.100 bis 6.500 Kilometern [7] sollte ab 1946 einsatzbereit sein. Man nannte sie “Amerika-Rakete” – sie wäre die erste Inter­konti­nental­rakete der Geschichte gewesen. Eine Fabrik zur Herstellung der A9/A10 war im KZ Ebensee (rechts) bereits (kurzzeitig) in Vorbereitung [8], Hitler malte sich aus, wie deutsche Raketen und Fernbomber Manhattan zerstören würden [9].


Hiroshima im August 1945

“Und dann träumten wir von der Atomenergie”, so Dornberger [10]. Praktisch konzentrierten sich die Entwickler zunächst auf die mit herkömmlichem Sprengstoff bestückte V2. Es gab Kontakte zu den deutschen Atomforschern, allerdings nur, um die Möglichkeit neuer Antriebe auszuloten [11]. Seit den Forschungen von Rainer Karlsch ahnen wir aber, dass mehrere deutsche Teams an Atomsprengsätzen arbeiteten, darunter wohl thermonukleare Hohlladungen für die Artillerie [12], die man später als “Mini-Nukes” bezeichnet hätte. Für mehrere Test-Zündungen gibt es Zeugen und Indizien [13], am 12. Oktober 1944 auf Rügen und am 3. März 1945 bei Ohrdruf in Thüringen [14]. Hätte der Krieg – auch mit Hilfe dieser “Wunder­waffen” – wenige Monate länger gedauert [15], wären “Little Boy” [16] und weitere Atombomben statt auf Hiroshima und Nagasaki wohl auf Berlin und andere deutsche Großstädte gefallen.


Das Aggregat 4 bzw. die V2 als 1:1 Modell auf dem Ausstellungsgelände in Peenemünde. Mehr als den hier gezeigten “Tisch” benötigte die Rakete nicht als Startrampe.

So blieben die ersten Raketen für den Verlauf des zweiten Weltkriegs relativ unbedeutend, obwohl etwa 13.000 Stück des ersten Marschflugkörpers der Militärgeschichte, der V1, Europas Zivilbevölkerung terrorisierten und 1.358 V2 allein auf London fielen [17]. Im Kopf der V2 befanden sich 738 kg Amatol-Sprengstoff [18] – zusammen mit der hohen Auf­schlag­ge­schwin­dig­keit ergab dies Zerstörungskrater von rund zehn Metern. 8.000 Menschen sollen allein in der britischen Haupt­stadt gestorben sein. Dennoch hatte die beschö­nigend “Wunder­waffe” benannte Terror­waffe [19] vor allem propa­gan­distischen Effekt, sie hielt die deutsche Bevölkerung bei der Stange, die im Verborgenen seit der Nieder­lage von Stalingrad 1942/43 am “Endsieg” zu zweifeln begonnen hatte. Die innovative Waffentechnik sollte die Menschen hinter dem Rachegedanken zusammenschweißen – V steht für Vergeltung für die britischen und amerikanischen Bombenangriffe auf deutsche Städte, auch wenn manche 1944 im Ausland lästerten, der Buchstabe stehe wohl eher schon für “Verzweiflung” des Regimes in den letzten Kriegsmonaten [20]. – –


Die unbemannte Mondrakete “H32” in Fritz Langs Science-Fiction-Stummfilm “Frau im Mond” (1929) ähnelt der späteren V2.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte es einen wahren Raketen-Boom gegeben. Vermutlich initiiert durch Jules Vernes Romane [21], utopische Romane von Kurt Laßwitz oder Otto Willi Gail, Hermann Oberths Fachbuch “Rakete zu den Planetenräumen” (1923) und beflügelt z.B. durch Fritz Langs utopischen Film “Frau im Mond” (1929) [22] entstand in Deutschland eine regelrechte Raumfahrt-Euphorie. Auch andernorts interessierte man sich für Raketen: Der russische Wissenschaftler Konstantin Ziolkowski veröffentlichte schon 1903 Fachaufsätze zum Bau von Flüssigkeitsraketen, 1926 startete der Amerikaner Robert Goddard die erste, drei Meter lange Flüssigkeitsrakete, die gut 12 Meter hoch flog [23]. Aber nirgends war die Euphorie größer als in Deutschland. Michael J. Neufeld erklärt sich die deutsche Technikbegeisterung psychologisch: “Die Deutschen neigten dazu, sich auf jedes Anzeichen nationaler technologischer Überlegenheit oder schneller Erholung von den Demütigungen des ersten WeltKrieges und des Versailler Vertrages zu stürzen” [24]. Unkritische, romantische, fanatische Fortschritts- und Technikbegeisterung einerseits sowie nationalistische Grundhaltung andererseits führten zur seltsamen und skrupellosen Mischung einer “reaktionären Modernität” [25] welche auch später den Nationalsozialismus prägte und rein technokratisch gesehen einerseits (vorübergehend) erfolgreich, andererseits so unglaublich menschenverachtend und empathielos machte [26].

Einige besonders enthusiastische Raketen­gläubige fanden im “Verein für Raumschiffahrt” (VfR) zusammen, der am 5. Juli 1927 im Breslauer Restaurant “Goldenes Zepter” gegründet wurde [27]. Zu den anfänglichen Mitgliedern gehörten u.a. der Tiroler [28] Science-Fiction-Schriftsteller Max Valier und der Theologe und Ingenieur Johannes Winkler, wenig später kamen der ehemalige Jagdflieger und Raketenbastler Rudolf Nebel, der Gymnasiallehrer und Buchautor Hermann Oberth und der Berliner Wissenschaftsjournalist Willy Ley [29] hinzu. Diese “bunte Truppe”, allen voran Valier, versuchte durch allerlei publikumswirksame Aktionen Gelder und Sponsoren [30] aufzutreiben [31]. Der Druck, die Öffentlichkeit und solvente Unterstützer gewinnen zu müssen, zeigte sich auch in der vom Verein herausgegebenen Zeitschrift “Die Rakete” (rechts), der ersten Fachzeitschrift für Raketentechnik und Raumfahrt, die von 1927-1929 erschien [32]. Den hier publizierten Zukunftsvisionen schienen die Mitglieder selbst zu glauben: man dachte theoretisch alles zu wissen, was zum Bau von Raumschiffen erforderlich wäre [33], fehlte nur noch das Geld.

Die Nagelprobe folgte 1929: Regisseur Fritz Lang finanzierte als Werbung für seinen Film “Frau im Mond” den Bau einer Rakete, die zum Filmstart 40.000 Meter [34] in den Himmel steigen sollte. Oberth, der mit seinem Buch die theoretischen Vorgaben geliefert hatte, wollte nun auch den praktischen Nachweis erbringen – doch zeigte sich schnell, dass der Bau von Flüssigkeitsraketen deutlich mehr Knowhow erfordert, als man bis dahin hatte. Er gab kurz vor der Filmpremiere mit einem Nervenzusammenbruch auf und verschwand erstmal in seine Heimat im rumänischen Siebenbürgen, während Nebel an der halbfertigen “Ufa-Reklamerakete” heimlich eine Sprengladung anbrachte, die bei der Vorführung schließlich publikumswirksam explodierte [35].

Die Bastlertruppe musste erkennen, dass die “Beschaffungstouren” Nebels und die theoretischen Vorüberlegungen Oberths für ein komplexes, notgedrungen längerfristig orientiertes Raketenprojekt nicht ausreichen würden. Erste Kontakte knüpfte Nebel daher schon 1929 auch zum Heereswaffenamt, das dem 1930 nach Berlin umgezogenen Verein ein Testgelände in Berlin-Reinickendorf am Tegeler Weg [36] und einen Zuschuss von 5.000 Reichsmark zur Verfügung stellte [37]. Um 1930 stieß der 18-jährige Wernher von Braun hinzu.


Mirak I und Mirak II.

Auf dem “Raketenflugplatz Berlin” wurden mehr oder weniger erfolgreich die Mirak I und II [38] entwickelt – seltsame langgezogene, nicht pfeilstabile Gebilde mit Antrieb an der Spitze, die heute eher an eine Goa’uld-Stabwaffe aus der Science-Fiction-Serie “Stargate” [39] erinnern. Von Braun verhandelte 1932 – nunmehr als Vorstands­mit­glied – erneut mit dem Militär, welches auf dem Versuchsgelände Kummersdorf seit 1929 mit Feststoffraketen experimentierte [40]. Dort gab es bereits größere Prüfstände für Triebwerke, moderne Messgeräte wie Kinetheodoliten und Geld war auch im Hintergrund, da das Heer unbedingt aufrüsten und die “Fesseln” des Versailler Vertrags abschütteln wollte. Ab jetzt bemühte sich das Militär, Fachleute aus der Raketenszene unter den eigenen Bedingungen bei sich zu sammeln.

In dieser Zeit lernte der spätere militärische Leiter von Peenemünde, Walter Dornberger, Wernher von Braun kennen. Er beschreibt ihn in seinen Memoiren als einen sehr begabten, aber übermäßig ehrgeizigen jungen Absolventen, der sich rücksichtslos durchzusetzen verstand [41]. Dass dieser bereit war, auf seinem “Weg ins All” auch wortwörtlich “über Leichen zu gehen” bzw. achtlos an ihnen vorüber [42], zeigte sich erst später. Der zivile “Verein für Raumschiffahrt” wurde jedenfalls 1934 aufgelöst – Grund war neben internen Streitigkeiten auch das Geheimhaltungsinteresse des Heeresamts. Gegen „Raketenbastler“ wurde fortan selbst mit Gestapo-Hilfe vorgegangen, wenn es sich nicht um wissenschaftlich oder technisch vorgebildete und national gesinnte Fachleute handelte, die in Geheimprojekte eingegliedert werden konnten [43]. Dazu gehörten z.B. die Ingenieure Arthur Rudolph und Walter Riedel, die später in Peenemünde und ersterer als Direktor auch im Mittelwerk (KZ Mittelbau-Dora) eine wichtige Rolle spielten. Die Zeiten von 1931, in denen die Mirak auf dem Raketenflugplatz ausländischen Besuchern vorgeführt worden war, waren damit endgültig passé [44].

Max Valier
Johannes Winkler
Rudolf Nebel
Wernher von Braun
Hermann Oberth


Von links nach rechts: Max Valier, Johannes Winkler, Rudolf Nebel, Wernher von Braun, Hermann Obert.

Hier wird deutlich: Die praktische Raketenentwicklung war in Deutschland trotz aller ziviler Träumereien von Beginn an eine militärische, noch weit vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und vor Kriegsbeginn 1939. Auch Kontakte zur nationalsozialistischen Führung gehen auf die Zeit vor 1933 zurück [45]. Hermann Oberth (auch er war unter dem Pseudonym “Fritz Hann” von 1941 bis 1943 in Peenemünde an der Entwicklung der V2 und später der Flugabwehrrakete “Wasserfall” beteiligt, die vor 1945 aber nicht mehr zum Einsatz kam) oder Wernher von Braun betonten ab den 60er Jahren zwar immer wieder, dass es ihnen eigentlich immer um die zivile Eroberung des Weltraums gegangen sei, letztlich um die Mondrakete, doch war der militärische Rahmen in Deutschland von Anfang an vorgegeben und damit auch das Ziel, nämlich neue Waffen zu entwickeln, “selbstfliegende Geschosse”. In seinem Buch “Wege zur Raumschiffahrt” legte Oberth schon 1929 dar, wie mit Interkontinentalraketen Giftgasangriffe auf feindliche Städte zu machen wären [46]. Dies lag ganz auf der Linie des Heereswaffenamts, dessen Abteilungsleiter für Ballistik und Munition, Oberstleutnant Dr. Karl Emil Becker, zunächst an Feststoffraketen dachte, mit denen Giftgas gegen feindliche Truppen verschossen werden könnte [47]. Nur knapp ist Europa einer solch zusätzlichen Verwüstung mit weiteren vielen Millionen Toten im 2. Weltkrieg entkommen.


Das Aggregat 2 in einer Modellzeichnung.

Wernher von Braun jedenfalls arrangierte sich Ende 1932 mit dem Militär und erhielt hierfür ein Forschungsstipendium von 300 Reichsmark monatlich [48], er promovierte sozusagen auf Militärkosten darüber, wie man eine Flüssigkeitsrakete baut [49]. Seine Studien und die praktischen Experimente seiner etwa 90 Teamkollegen [50] führten zu größeren Triebwerken, schließlich zu Aggregat 1 (A1) mit 300 kg Schub – die Rakete explodierte 1933/34 beim Test. Man ging nun aber wissenschaftlicher vor, maß und berechnete, modifizierte und experimentierte. Zwei A2 “Max und Moritz”, die nun eher die Form einer Rohrpost hatten (siehe Bild), wurden am 20. Dezember 1934 von Borkum [51] aus erfolgreich gestartet und erreichten eine Höhe von 2,2 bzw 3,5 Kilometern [52].

Schon im Folgejahr entstanden erste Überlegungen zu einer staatlich finanzierten Großforschungseinrichtung, an der sich Heer und Luftwaffe zu gleichen Teilen beteiligen sollten, ursprünglich eine Konzeption von Brauns. Eine Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen erschien dem Militär zu unsicher, man setzte auf Geheimhaltung [53]. Von Braun hatte zunächst die Küste bei Prora auf Rügen im Auge, hier war aber die “Deutsche Arbeitsfront” um einige Tage schneller gewesen und hatte das Gelände für das geplante “Kraft-durch-Freude”-Massen­er­holungs­zent­rum bereits beschlagnahmt [54]. Schon im April 1936 [55] begannen die Bauarbeiten in Peenemünde, gut ein Jahr später war es soweit: Die Anlagen wurden offiziell eröffnet [56]. Der größte Teil der Kummersdorfer Mannschaft konnte nun nach Peenemünde umziehen. Nur die wichtige Triebwerksentwicklung unter Leitung von Dr. Walter Thiel blieb bis 1940 in Kummersdorf [57].

Während der Planung des Peenemünder Großprojekts wurden 1936 schon die Grundzüge des Aggregats 4, der späteren V2 festgelegt, 8 Jahre vor ihrem ersten Kriegseinsatz. Dornberger wollte mit ehrgeizigen Versprechungen den Geldfluss sicherstellen [58]. Sie sollte eine Reichweite von 250 km haben [59], eine Tonne Sprengstoff transportieren, eine hohe Treffsicherheit aufweisen und dabei noch so klein sein, dass sie unzerlegt sowohl auf der Straße, als auch mit der Bahn durch Tunnel transportierbar wäre. Das Triebwerk sollte 25 Tonnen Schub erzeugen, die Rakete eine Geschwindigkeit von 1.500 m/sec erreichen. Die ersten Skizzen sahen schon einen Durchmesser von 1,60 m vor (inkl. Flossen max. 3,50 m), bei einer Länge von etwa 14 Metern [60]. Bis auf die hohe Treffsicherheit wurden bis 1943 alle konzeptionellen Vorgaben umgesetzt, obwohl man sich technisch völlig auf Neuland bewegte.

Von Anfang an war klar, dass es ausschließlich um eine Kriegswaffe gehen werde. Dornberger peilte bereits 1937 die “Serienproduktion einer einsatztauglichen Kriegsrakete” in Peenemünde an [61] – die Heeresversuchsanstalt war noch nicht einmal in Betrieb genommen – stieß bei von Braun und Rudolph damit zunächst auf Skepsis, da man ja nicht einmal alle funktionierenden Komponenten hatte.


Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Bild anklicken, um es in voller Auflösung anzusehen.

In Peenemünde war nun alles üppig dimensioniert, Geld schien kein Pro­blem. Auf dem 25 Quadrat­kilometer großen Gelände gab es mehrere Prüfstände, Ab­schuss­rampen, einen Flugplatz, eine Sied­lung für die bis zu 12.000 Mit­arbeiter, ab Ende 1943 ein eigenes großes Kraft­werk, einen Hafen zum Anlanden der Kraft­werks-Kohle, ein Sauerstoff-Gewinnungs­werk [62], später ein Elektronik-Labor, den größten Wind­kanal der Welt, Fertigungs­hallen, last not least das Zwangs­arbeiter-Lager Trassenheide für 8.000-10.000 Menschen und später die KZ Karls­hagen I und II mit ca. 1.800 Häftlingen (auch deren Architekt der spä­tere Bundespräsident Heinrich Lübke war [63]) und eine elektrisch betriebene Werkbahn [64], die alles miteinander verband. Das Kraftwerk war für die Zeit ultramodern, es wurde mit elektrostatischen Rauchgasfiltern ausgestattet, die 90% der Partikel entfernten. Freilich nicht, um die Umwelt zu schonen, sondern um feindlichen Aufklärern die Sichtung des Werks aus der Luft zu erschweren [65]. Die Baukosten beliefen sich auf 550 Millionen Reichsmark [66]. In der “Heeresversuchsanstalt Peenemünde” (HVP) konnten Forscher und Ingenieure komfortabel wie in einer eigenen Blase leben und arbeiten, Moral wurde verdrängt und ausgeblendet.



Literatur

(CD) Die geheimen Flugprojekte des Dritten Reiches (CD), ISBN: 978-3-941028-94-4.
(CM) “Der Betrieb … kann mit Häftlichen durchgeführt werden”. Zwangsarbeit für die Kriegsrakete. Peenemünder Hefte 3, Schriften der Historisch-Technischen Museum GmbH. Hrsg: Christian Mühldorfer-Vogt.
(DR) David Rousset: Das KZ-Universum, ISBN: 978-3-633-54302-1.
(GJ) Günther Jikeli (Hrsg.): Raketen und Zwangsarbeit in Peenemünde, ISBN 978-3-86498-750-2.
(FK) Franz Kurowski: Raketenpionier Arthur Rudolph, ISBN: 3-921655-94-3.
(JCW) Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943-1945. Begleitband zur Ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, ISBN: 978-3-8353-0118-4.
(JM) Jürgen Mayer: NS-Raketenproduktion der V1 und V2 in Mittelbau-Dora, ISBN: 978-3-95966-434-9.
(JW) Johannes Weyer: Wernher von Braun, ISBN: 3 499 50552 5.
(MB) Manfred Bornemann: Geheimprojekt Mittelbau. Vom zentralen Öllager des Deutschen Reiches zur größten Raketenfabrik im Zweiten Weltkrieg, ISBN: 3-7637-5927-1.
(MC) Dr. Martina Christmeier, Dr. Alexander Schmidt (Hrsg.): Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit, ISBN: 978-3-7319-0561-5.
(MN) Michael J. Neufeld: Die Rakete und das Reich, ISBN: 3-89487-325-6.
(RE) Rainer Eisfeld: Mondsüchtig, ISBN:3 498 01660 1.
(RK) Rainer Karlsch: Hitlers Bombe, ISBN: 3-421-05809-1.
(TH) Torsten Hess, Thomas A. Seidel (Hrsg.): Vernichtung durch Fortschritt am Beispiel der Raketenproduktion im Konzentrationslager Mittelbau, ISBN: 3-929592-06.
(UB) Ulrich Brunzel: Hitlers Geheimobjekte in Thüringen, ISBN: 978-3-943552-07-2.
(WD) Walter Dornberger: Peenemünde. Die Geschichte der V-Waffen, ISBN: 978-3-932081-99-0.


Fußnoten

[1] (WD), S. 27: Dieser historische Schuss ging fast 90 Kilometer hoch, im Mai/Juni 1944 wurde bei Senkrechtstarts von der Greifswalder Oie eine Höhe von 176 Kilomatern erreicht ((MN), S. 267), bei späteren Flügen über 200 Kilometer. Etwa 2 Wochen zuvor, am 13. September, hatte die Schlacht um Stalingrad begonnen, die den entscheidenden Wendepunkt des 2. Weltkireges markierte. 

[2] (WD), S. 29: “So war das Heereswaffenamt begreiflicherweise auf der Suche nach neuen, die Bestimmungen des [Versailler] Vertrages nicht verletzenden Waffenentwicklungen, welche geeignet waren, die Kampfkraft der wenigen Verbände zu erhöhen.” 

[3] dokumentarchiv: Versailler Vertrag: Der Friedensvertrag von Versailles erlaubte nur 204 Geschütze des Kalibers 7,7 cm und 84 Haubitzen mit Kaliber 10,5 cm. 

[4] Eine Propagandaphrase aus DDR-Zeiten, die hier aber gepasst hätte. Sie soll auf den Vorsitzenden des Forschungsrates der DDR, Prof. Peter-Adolph Thießen, zurückgehen, ein Experte auf dem Gebiet der Polymerforschung. Er ging davon aus, dass es möglich wäre, im Bereich von Forschung und Wirtschaftsentwicklung Abkürzungen zu nehmen, mit denen man folgerichtig schneller zum Erfolg käme als in der BRD. Das Zitat wurde von Walther Ulbricht aufgegriffen und wird ihm heute zugeschrieben. Thießen war schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts überzeugter Nationalsozialist, Träger des goldenen Parteiabzeichens der NSDAP und kam über Umwege schließlich auch in der DDR zu Anerkennung. In der Nazi-Zeit war er maßgeblich an der Entwicklung der “Wunderwaffe” N-Stoff (Chlortrifluorid) beteiligt. Die Chemikalie ist ein chemischer Kampfstoff, Brandbeschleuniger und Oxidator. Letztere Eigenschaft ließ die Chemikalie als interessant für Raketenantriebe erscheinen, man führte damit in der Heeresversuchsstelle Ost bei Kummersdorf vermutlich Experimente durch. 

[5] Wikipedia: Werner Heisenberg, insb. der Abschnitt “Arbeit am Nuklearprogramm”: Der Schwerwasserreaktor im schwäbischen Haigerloch stand bei Kriegsende kurz vor einer Kettenreaktion, also dem Funktionieren. Damit wäre er geeignet gewesen, Plutonium herzustellen. In einem vom Team Diebner betriebenen Forschungsreaktor der Physikalisch – Chemischen Versuchsstelle Gottow bei Berlin war es möglicherweise 1944 zu einer Kettenreaktion gekommen, woraufhin dieser explodierte (siehe Versuchsstelle Gottow), Mitarbeiter wurden verstrahlt und radioaktive Spuren in der Umgebung des Versuchsreaktors sind noch heute messbar. Auch in einem Leipziger Reaktor des Heisenberg-Teams war es zu einer Explosion gekommen, es hatte aber keine oder nur eine schwache nukleare Kettenreaktion stattgefunden. Vielmehr hatte sich Knallgas gebildet, das mit Uran verpuffte, welches Mitarbeiter und die Umgebung verseuchte. Wikipedia, Operation Epsilon: Der ehemalige Chef des amerikanischen Atombombenprojektes, General Leslie R. Groves, zeigte sich in seinen Memoiren überzeugt, nicht moralische Bedenken hätten die deutschen Forscher davon abgehalten, die Atombombe zu bauen, sondern fachliche Mängel – z.B. eine Fehleinschätzung der “kritischen Masse”. Neufeld weist darauf hin, “die Deutschen [haben] die Möglichkeiten einer mit atomaren Gefechtsköpfen ausgerüsteten Rakete nicht erkannt, da ihr Nuklearprojekt nicht wesentlich über Vorlaufversuche für Reaktoren und theoretische Studien über die Atombombe hinauskam” ((MN), S. 172).  

[6] (WD), S. 59f: Die Planungen für den Prüfstand in Peenemünde-Nord sahen Erprobungen von Triebwerken bis 100 Tonnen Schub vor. Die V2 hatte schließlich 25-30 Tonnen Schub. 

[7] (WD), S. 160. Da die Rakete nie gebaut wurde, schwanken auch die nicht nachprüfbaren Angaben über eine mögliche Reichweite. Amerika-Rakete: Der Künstler und Hobby-Historiker Thomas Kliebenschedel behauptet aufgrund eigener Archiv-Forschungen, die sogenannte Amerika-Rakete habe laut Planung aus “einem A18 D und einem Gleiter GL A4 V 12c” bestehen sollen. 

[8] Wikipedia.de: Das KZ Ebensee war ein Außenlager des KZs Mauthausen in der Gemeinde Ebensee in Oberösterreich. Die Häftlinge im KZ Ebensee wurden eingesetzt, um Stollen und Kavernen für die unterirdische Produktion der Raketen in den Berg zu treiben. Zunächst war 1943 geplant, auch das Entwicklungswerk Peenemünde hierher umzuziehen. Ende 1944 wurde mit dem Bau einer Ölraffinerieanlage begonnen, die dann auch im Februar 1945 die Produktion aufnahm. Im Frühjahr 1945 wurden in der Anlage B noch Motoren für Panzer und Flugzeuge hergestellt (siehe auch (MN), S. 308). 

[9] spiegel.de: NS-Angriffspläne für New York – Bomben auf Big Apple: “Nur allzu gerne ließ sich der ‘Führer’ in der Reichskanzlei Filme vom ‘brennenden London’, von ‘explodierenden Geleitzügen’ oder vom ‘Feuermeer über Warschau’ vorführen, wie sich sein Leib-Architekt Albert Speer in den ‘Spandauer Tagebüchern’ erinnerte. Angesichts solcher Bilder hätte sich Hitler wie im Rausch den ‘Untergang New Yorks in Flammenstürmen’ vorgestellt.” 

[10] (WD), S. 161. 

[11] (MH), S. 191: Für das Projekt eines bemannten A9 wurde 1942 zur Erforschung eines atomaren Antriebs ein kleiner Forschungsauftrag an das Reichspostministerium vergeben (eine Tarnadresse des deutschen Kernforschungsprogramms).  

[12] (RK), S. XXf. 

[13] Focus.de: Atompilze über Thüringen 

[14] faz.net: Die Bombenbastler Hitlers 

[15] Die deutsche Kapitulation war am 8. Mai 1945, die erste Atombombe fiel am 6. August 1945 auf das japanische Hiroshima, exakt 90 Tage später. 

[16] Wikipedia: Little Boy. (TH). S. 73: Atombomben-Physiker und -Ingenieure sprachen zynisch und sexistisch bei erfolgreicher Explosion von einem “boy”, bei Misserfolg von einem “girl” (vgl. dazu Strahlende Vergangenheit“). Für diese erste Bombe wurde übrigens Uranerz mitverwendet, das die US-Armee im April 1945 bei Staßfurt (Sachsen-Anhalt) erbeutet hatte. Doch war zu diesem Zeitpunkt in den USA bereits ausreichend Plutonium für den Bau weiterer Bomben “erbrütet” worden. 

[17] Wikipedia: Fieseler Fi 103. Vom 13. Juni 1944 bis März 1945 trafen 2.419 V1 London. Die Explosionsdruckwelle breitete sich bis zu 600 Meter aus, in London allein starben 6.184 Zivilisten (17.981 Schwerverletzte), insgesamt ca. 20.000 Menschen. Wikipedia.de: Aggregat 4, (WD), S. 24: Dornberger verglich die Gewalt des Einschlags einer V2 großspurig, in einer Art perversem Stolz, mit “50 Schnellzuglokomotiven von je 100 Tonnen, die mit der Geschwindigkeit von 100 Kilometer in der Stunde gleichzeitig alle miteinander zusammenrasen”. Mark Whitmore beziffert die Größe der Einschlagskrater einer V2 in (GJ), S. 127ff, mit 9 Metern Durchmesser und bis zu 6 Metern Tiefe. S. 151: “Einige Londoner wiesen darauf hin, dass eine V2 eine kleinere Fläche verwüstete als eine Flugbombe, da die Rakete tiefer in den Boden eindrang und konzentrierter explodierte, wodurch weniger Gebäude in unmittelbarer Umgebung beschädigt wurden”. 

[18] Amatol ist eine Mischung aus Trinitrotoluol (TNT) und Ammoniumnitrat (Kunstdünger-Komponente) und erreicht 80% der Wirkung von reinem TNT. Dabei ist es kostengünstiger herzustellen und sicherer zu handhaben. Das im 2. Weltkrieg in Deutschland verwendete Amatol bestand zu 52% aus Ammoniumnitrat, ferner 6% Calciumnitrat, 10% Hexogen, 30% Ethylendiamindinitrat und 2% Montanwachs. 

[19] (JW), S. 44f: Die Idee zum Einsatz der V2 gegen die Londonder Zivilbevölkerung hatte Walter Dornberger Mitte 1941. Damit gelang es ihm, von Hitler weiterhin die gewünschte Top-Priorisierung für Peenemünde zu erhalten. 

[20] Museum Peenemünde, Ausstellungstafel. (MN), S. 307 führt aus, dass tatsächlich “am Ende alle Projekte im Raketenprogramm des Heeres von allgemeiner Verzweiflung gekennzeichnet” waren. 

[21] “Von der Erde zum Mond” (1865) und “Reise zum Mond” (1870). Hier kommen Raketen nur zur Bremsung zum Einsatz, die Hauptbeschleunigung erfährt die mit 3 Astronauten (und zwei Hunden) besetzte Raumkapsel durch ein 270 Meter langes Geschütz, was technisch unrealistisch ist – die Geschwindigkeit würde nicht ausreichen, die Erdanziehung zu überwinden. 


Blick aus dem Raumschiff zur Erde …

[22] Nach Rainer Eisfeld in (TH), S. 35: Der Film basiert auf dem Roman “Frau im Mond” von Thea von Harbou, erschienen 1928. – Mit Thea von Harbou hatte der Regisseur Fritz Lang eine Affäre, was seine Frau (vermutlich) in den Selbstmord trieb. Schließlich heiratete er sie, bevor es ihr ähnlich erging wie der Vorgängerin. Lang verließ sie für die Schauspielerin Gerda Maurus, die übrigens in diesem Film die Hauptrolle der “Friede Velten” spielt. – Abgesehen von etlichen Albernheiten und physikalischen Fehlern (trotz der Beratung durch Hermann Oberth) hat der Film etwas Prophetisches und erinnert tatsächlich an die Flüge von Apollo 8 bis 11. Die “Versuchsrakete H32” im Film sieht dem späteren Aggregat 4 sehr ähnlich; Raketenhalle, Fahrt zur Startrampe und Publikumsbegeisterung erinnern an die Saturn V – Starts 1968-1972. Der Bösewicht “Walt Turner” mit geöltem Linksscheitel und auf dem Mond in einer Art SA-Uniform erinnert an Adolf Hitler. Der Titel ist eigentlich falsch, denn auf dem Mond bleiben Wolf Helius und Friede Velten als Paar zurück. 

[23] (MN), S. 21. 

[24] (MN), S. 21. Kursive Worte wurden zur Verdeutlichung des Zitats vom Autor eingefügt. – Dieser Betrachtung gibt ein Spiegel-Zitat von Hermann Oberth Recht: “Ich hatte gehofft, eine Raketenwaffe zu finden, die den Schandvertrag von Versailles hätte zerschlagen können. Das ist mir nicht gelungen.” 

[25] (JW), S. 24. Der Begriff wurde vermutlich vom amerikanischen Historiker und Sozialwissenschaftler Jeffrey Herf geprägt (nach Rainer Eisfeld in (TH), S. 36). Thomas Mann sprach vom “hochtechnisierten Romantizismus”, Goebbels schließlich von der “stählernen Romantik”. “Stählern” steht hier sowohl für die Kriegsaufrüstung, wie für Gefühlskälte und Härte (Empathielosigkeit, die maximal Sentimentalität zuließ. Erich Fromm definierte Sentimentalität als “Gefühl unter der Voraussetzung völliger Distanziertheit. […] Man fühlt zwar, aber man ist nicht wirklich und konkret auf etwas in der Realität bezogen.” Zitiert nach Wikipedia: Sentimentalität.). 

[26] Rainer Eisfeld zählt in (TH), S. 37, auf: Synthetische Treib- und Rohstoffproduktion, Autobahnen, Sturzkampfbomber, Panzerwaffe, Elektro-U-Boote, Strahlflugzeuge, V1 und V2. Zudem wurden riesige Konzerne wie I.G. Farben bis zu Krupp und Flick systematisch gefördert. Zu dieser “Systematik” gehört auch die regelmäßige Zuteilung von Zwangsarbeitern aus Konzentrationslagern. 

[27] Wikipedia: Verein für Raumschiffahrt 

[28] Tirol gehörte damals zu Österreich 

[29] Ley war der einzige bekanntere Raketenprotagonist aus der Anfangszeit, der dem NS-Regime deutlich kritisch gegenüberstand. Er emigrierte 1935 zunächst nach Großbritannien, dann in die USA, wo er unter dem Pseudonym “Robert Wiley” zahlreich publizierte. Einer Stichprobe Neufelds zufolge gehörte etwa die Hälfte der Peenmünder Ingenieure der NSDAP an, etwa 15% der SS ((MN), S. 216). 

[30] Opel ((MN), S. 21f), Junkers Flugzeugwerke in Dessau ((MN), S. 23), AG für Industriegasverwertung von Dr. Paul Heylandt ((MN), S. 24). 

[31] (TH), S. 22: Valier ließ 1928, finanziert durch Fritz von Opel, Schwarzpulverraketen an Rennwagen wie dem “Opel Rak2” anbringen und erzeugte mit dieser und ähnlichen Vorführungen großes Medienecho. Es folgten Raketen an Eisenbahnwaggons, Segelflugzeugen, Fahrrädern und Schlitten. Valier starb im Mai 1930 bei einem dieser Experimente, bei dem eine Flüssigkeitsrakete explodierte. Statt Alkohol wollte er Paraffin verwenden, was aber schiefging. 

[32] Gegründet von Winkler (MN), S. 20. Die Rakete hatte 16 Seiten im A5-Format. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Kinderzeitschrift der DDR, die von 1957/58-1962 erschien: Rakete

[33] Einen Eindruck bietet das Inhaltsverzeichnis zum 1. Jahrgang 1927: Die Rakete. Eine bunte Mischung aus mathematisch-naturwissenschaftlichen Formeln, Zukunftsvisionen und Absurd-Esoterischem wie der “Welteislehre”. 

[34]  spiegel.de: Von oben herab – Ein Prestigeobjekt des Senats macht der
etablierten Raumfahrtforschung Berlins Konkurrenz
 

[35] (MN), S. 25. – Oberth zu seinem Rückzug: “Zwei Jahre war ich zu nichts mehr imstande”. Zitiert nach Raketenflugplatz-Berlin. Die Kraft reichte aber zu heftigen Auseinandersetzungen mit anderen im Verein. 

[36] (MN), S. 28: Ein ehemaliges Munitionsdepot, das vom Tegeler Flughafen oder mit Wohngebäuden überbaut wurde. Irgendeine Form der Gedenkstätte gibt es hier nicht. 

[37] (MN), S. 25f: “Vermutlich stand Nebel mit Becker und dem Heereswaffenamt mindestens seit Dezember 1929 in Verbindung”. (WD), S. 30: “Das Heereswaffenamt sah sich zunächst gezwungen”, den Raketenflugplatz finanziell zu unterstützen und abzuwarten. 

[38] Mirak = “Minimum-Rakete” oder scherzhaft “Minimumeinsatz mit Mirakeleffekt” (Zitat Nebel nach (JW), S. 17). – Wikipedia, Mirak (Rakete): Die Mirak hatte eine Startmasse von 20 kg, einen Durchmesser von zehn Zentimeter und eine Länge von 3,5 Metern. Die meisten der 100 Starts endeten mit einer Explosion. – (MN), S. 29.): Bei Erfolg wurde in einem Berliner Nachtclub – vermutlich auf Kosten Wernher von Brauns – kräftig gefeiert. 


Stabwaffe aus “Stargate”

[39] Wikipedia: Stargate – Kommando SG-1, zur Stabwaffe siehe Abbildung rechts. 

[40] (MN), S. 22: Zu diesem Team gehörten ab 1930 auch Walter Dornberger und Leo Zanssen, die späteren leitenden Offiziere der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Dornberger war bis 1936 hauptsächlich mit der Entwicklung kleiner Kurzstrecken-Feststoffraketen befasst. Raketenwerfer spielten im Verlauf des Weltkriegs eine große Rolle, am bekanntesten wurde die sogenannte “Stalinorgel” (Katjuscha). Eine ähnliche Entwicklung gab es auch auf deutscher Seite. Der “Panzerwerfer 42” wurde ab 1943 jedoch nur 200-300-mal produziert. Wikipedia: “Der Schwarzpulvertreibsatz war sehr instabil und führte zu zahlreichen Frühdetonationen. Die Streuung betrug bei einer Schussweite von 5,5 km mit 230 m ein nicht akzeptables Ausmaß.” 

[41] (WD), S. XX. Siehe auch (JW), S. 24: “Im Zentrum seines Denkens und Handelns standen er selbst und seine persönlichen Interessen. Er war Genußmensch und Egozentriker …”, “… nur wenige moralische Skrupel …”. 

[42] Wikipedia: Wernher von Braun, Abschnitt “Verstrickung in die nationalsozialistische Politik”: Der gefeierte Held der Saturn V und der Mondlandung war gemäß Bernd Dirolls “Personen-Lexikon der NSDAP” seit November 1933 als Anwärter Mitglied der Reiter SS – angeblich nur wegen des Reitens (nach Ulli Kulke: “Weltraumstürmer: Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond”, S. 86). Nach einem halben Jahr sei von Braun wieder aus der SS ausgeschieden ((MN), S. 216). — (JW), S. 31: Weyer führt dagegen aus, von Braun sei am 12. November 1937 rückwirkend zum 1. Mai 1937 überhaupt erst in die NSDAP eingetreten. Der SS gehörte er (wieder) ab Mai 1940 an. Himmler beförderte ihn bis 1943 bis zum SS-Hauptsturmführer (anschließend nicht mehr), was dem Rang eines Majors in der Wehrmacht gleichkam. Er besuchte 1944 persönlich des öfteren das Konzentrationslager Buchenwald, um dort geeignete Häftlinge für die Raketenproduktion im Außenlager Mittelbau-Dora auszuwählen (Brief von Brauns vom 15. August 1944 an Albin Sawatzki). Das nationalsozialistische Prinzip von “Vernichtung durch Arbeit” war ihm vertraut. Der überlebende Gefangene Adam Cabala (in (GJ), S.168f): “Prof. Wernher von Braun hat während seiner häufigen Anwesenheit in Dora nicht ein einziges Mal gegen diese Grausamkeit und Bestialität protestiert.” Selbst der Anblick von Toten und Sterbenden hat ihn nicht gerührt: “Auf einer kleinen Fläche neben der Ambulanzbude lagen tagtäglich haufenweise die Häftlinge, die das Arbeitsjoch und der Terror der rachsüchtigen Aufseher zu Tode gequält hatten. […] Aber Prof. Wernher von Braun ging daran vorbei, so nahe, dass er die Leichen fast berührte”. (JW), S. 62: Das Historikerurteil dazu lautet: Von Braun ist es nach 1945 durch Leugnen, Verschweigen oder Verdrängen gelungen, seine Verstrickung in die menschenverachtende Praxis der Vernichtung durch Arbeit zu vertuschen und so einer Strafverfolgung zu entgehen”. — Erst 1969 gab von Braun in einem Interview zu Protokoll, dass er in Mittelbau-Dora “Hungergestalten in einem erbarmungswürdigen Zustand” gesehen habe, weswegen er sich für Deutschland geschämt habe. Dokumente belegen aber, dass er sich sogar für die willkürliche KZ-Einweisung französischer Zivilisten aussprach, um im KZ Mittelbau Dora geeignete Fachkräfte zu erhalten ((TH), S. 40). 

[43] (MN), S. 48. 

[44] astronautix.com, Mirak: Im April 1931 besuchten Mitglieder der “American Rocket Society” den VfR und ließen sich die Mirak zeigen. 

[45] (NW), S. 33: Nebel versuchte schon weit vor der NS-Machtergreifung im Januar 1930 erfolglos, von Hitler, Göring und Goebbels finanzielle Unterstützung für das private Raktenprojekt zu erhalten. Das änderte sich im Herbst 1933, nach der “Machtergreifung”. (JW), S. 28: “Die Nazi-Größen gaben sich ab Herbst 1933 in Kummersdorf die Klinke in die Hand, und selbst Adolf Hitler stattete am 29. September 1933 erstmals seinen Besuch ab …”. 

[46] Nach (MN), S. 21. Die “Wasserfall”-Rakete wurde ab 1941 auf Grundlage der A4 (Maßstab 1:3) entwickelt. Doch weder die Probleme mit dem Treibstoff (Salpetersäure und Dieselöl), der Steuerung bzw. Fernlenkung, noch die gezielte Explosion des Sprengsatzes konnten bis Kriegsende technisch gelöst werden. Starts verliefen erfolglos ((MN), S. 184). Die Erfolglosigkeit geht zum Teil auch auf das Hin und Her der Verantwortlichen zurück ((MN), S. 188).
Wikipedia.de: Oberth war übrigens von 1965 bis 1967 Mitglied der NPD und erhielt 1981 das Bundesverdienstkreuz – man fragt sich, für welchen “Verdienst”. Bis 2018 hing im Berliner Flughafen Tegel ein Bronzerelief von ihm, das aufgrund von Protesten schließlich entfernt wurde. Er spendete regelmäßig höhere Beträge der “Stillen Hilfe“, bis 2017 im wesentlichen ein Hilfsverein für KZ-Verbrecher und Holocaust-Leugner. Siehe Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte, insbesondere den Abschnitt “Bekannte Fälle der Unterstützung durch die ‘Stille Hilfe'”. Oberth, Hermann Julius: 1950-1953 stand er beim italienischen Militär unter Vertrag und arbeitete in La Spezia im Rahmen des Geheimprojekts “LAGO” an einer Ammoniumnitrat-Flakrakete, die er in Peenemünde nicht mehr fertiggestellt hatte, die aber nun in Italien auch nicht zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt fertig wurde (siehe: Industrie und Raumfahrt, Hermann Oberth, Eine Sackgasse?). 

[47] (MN), S. 19 und (JW), S. 21. Wikipedia, Chemische Waffe: “Für den Fall, dass Deutschland an der Ostfront Kampfstoffe einsetzen sollte, hatte der britische Premierminister Churchill bereits im Mai 1942 mit einem Großeinsatz von Kampfstoffen gedroht. Ein amerikanischer Plan vom April 1944 sah für den Fall des Kampfstoffeinsatzes durch Deutschland einen Vergeltungsangriff gegen 30 große deutsche Städte vor. Innerhalb von 14 Tagen sollten in diesem Fall die Städte mit einer Gesamtfläche von 217 km² angegriffen und über ihnen insgesamt 15.345 t Senfgas (Lost) und 21.176 t Phosgen abgeworfen werden. Wegen der extrem hohen Kampfstoffkonzentration in diesem Fall (168 Gramm je Quadratmeter) gingen Schätzungen von 5,6 Millionen unmittelbar durch den Einsatz Getöteten und weiteren 12 Millionen an den Folgen des Angriffs Gestorbenen und Verletzten aus.” – Giftgas: Als Antwort auf die V1-Angriffe auf London forderte Churchill 1944 erneut Giftgasangriffe auf deutsche Städte (Dokumente Public Records Office, London; AIR 20/3227, CAB 79/78, PREM 3/89). 

[48] (JW), S. 25. – Wirtschaft und Statistik: Zum Vergleich – ein Liter Bier kostete in Berlin 1932 82 Reichspfennig, ein Kilo Brot 32 RPf. 

[49] (MN), S. 33, 37 u. 44ff: Nicht alle aus dem VfR waren mit dieser Annäherung einverstanden, allen voran Nebel. Dieser hatte jedoch keine pazifistische Grundhaltung, sondern stand der SA nahe, welche eine Grundrivalität zum Heer pflegte. – Von Braun: Dissertation und sein Eintritt in das Heereswaffenamt: Das eigentliche Thema der Arbeit war “Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete”. 

[50] (JW), S. 31. 

[51] Die Nordseeinsel Borkum wurde nicht zufällig für geheime Tests ausgesucht. Wikipedia, Bäder-Antisemitismus: Borkum hatte sich schon im 19. Jahrhundert antisemitisch profiliert (Borkumlied, letzte Zeilen) und man hisste dort schon vor 1933 die Hakenkreuzfahne. Nach dem Krieg bot die Insel Kriegsverbrechern Unterschlupf wie dem SS-Reitersturmführer Theodor Werner Scheu, der 1941 teils eigenhändig 220 litauische Juden erschossen hatte. Auf Borkum war Scheu Amtsarzt, Besitzer eines Kindersanatoriums und eines privaten Kinderheims “Möwennest”, war Aufsichtsarzt im Städtischen Krankenhaus, Mitglied des Kurbeirats und Vorsitzender des Reitervereins. Siehe auch: Die sechs Geschworenen und das Massaker von Naumiestis

[52] Wikipedia: Aggregat 2: Das Aggregat 2 hatte eine Länge von 1,61 m, einen Durchmesser von 31,4 cm und ein Startgewicht von 107 kg. – raketenspezialisten.de, Wernher von Brauns Aggregat 2: Hier wird die erreichte Flughöhe von “Moritz” mit 3500 Metern bestimmt. 

[53] (WD), S. 29: “Die internationale Verflechtung der Großindustrie machte es […] fast unmöglich, irgendeine neue geheime Waffenentwicklung zu betreiben, ohne dass das Ausland davon erfuhr.” 

[54] (JW), S. 52. (MN), S. 66f: Von Brauns Mutter gab dann den Anstoß, die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde anzusiedeln. 

[55] (JW), S. 31. (WD), S. 58: Dornberger gibt als Zeitpunkt des “ersten Spatenstichs” dagegen “Anfang August 1936” an. 

[56] (JW), S. 31: Die offizielle Eröffnung war im Mai 1937, allerdings wurde bis 1939 weitergebaut. Der kleine Fischerort Peenemünde war kurzerhand umgesiedelt und zerstört worden. Wikipedia: Heeresversuchsanstalt Peenemünde: “Nur durch den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern wie KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen sowie ‘Ostarbeitern’ war die Errichtung der Versuchsanstalt in so kurzer Zeit möglich”. 

[57] (WD), S. 66. 

[58] (WD), S. 59. 

[59] Es sollte die doppelte Reichweite der sog. “Pariser Kanone”, auch “Paris-Geschütz“, aus dem Ersten Weltkrieg sein. Diese sogenannte Pariskanone war im Krieg strategisch relativ bedeutungslos, daher sieht z.B. Neufeld den strategischen Nutzen der V2 kritisch: “Sie war das Produkt eines beschränkten technologischen Denkens, das den strategischen Bankrott des Konzepts nicht erkannte” (MN), S. 70. Die kriegsentscheidende Wirkung erhoffte man sich von einem Überraschungseffekt plus Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Dabei war logisch klar, dass eine Überraschung als solche nur kurzzeitig wirken kann. 

[60] (WD), S. 59ff, (JW), S. 32f, (MN), S. 69. 

[61] (JW), S. 37. Zur Skepsis von Brauns und Rudolphs siehe (FK), S. 37. 

[62] Wikipedia: Heeresversuchsanstalt Peenemünde: Das Sauerstoff-Gewinnungswerk verschlang allein 25 MW der 30 MW elektrischen Leistung des Kraftwerks, das eines der größten und modernsten Deutschlands war. Man fragt sich, warum die britischen Bombenangriffe im September 1943 den Wohnsiedlungen galten und nicht dem Kraft- bzw. Sauerstoffwerk. 

[63]  Wikipedia: Heinrich Lübke: Lübke galt in der Nachkriegszeit als harmloser, etwas trotteliger, aber liebenswerter Bundespräsident. Dabei hätte er vor Gericht gestellt werden müssen, denn er war in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Bauleiter in der “Gruppe Schlempp”. Von 1943 bis 1945 hatte er (nicht nur hier) die Verantwortung für den unmenschlichen und oft tödlichen Einsatz von KZ-Häftlingen. Wikipedia, Heeresversuchsanstalt Peenemünde, Abschnitt “Historische Bedeutung”: “Lübke führte eigenständig ein Häftlingskommando und hat auch selbst Zwangsarbeiter bei der Leitung der Anstalt angefordert”. Siehe auch Spiegel: Heinrich Lübke dirigierte KZ-Häftlinge im Raketenzentrum Peenemünde. Die Baukommandos müssen als die brutalsten Zwangsarbeits-Kommandos mit den meisten Opfern gelten. Zu den Häftlings- und Zwangsarbeiterzahlen siehe auch (GJ), S.74.  

[64] Wikipedia, Heeresversuchsanstalt Peenemünde: Auch optisch erinnert die Bahn nicht zufällig an die Berliner S-Bahn. Einige Züge wurden nach dem Krieg tatsächlich in Berlin als S-Bahn eingesetzt. 

[65] Museum Peenemünde, Ausstellungstafel  

[66] (JW), S. 33. Die Investitionen waren nicht unumstritten: Der Minister für Bewaffnung und Munition, F. Todt, mahnte in einem Schreiben an Generaloberst Fromm am 30. Juli 1941, “dass wir im Krieg leben”. “In Peenemünde schafft man heute ein Paradies. Die Unterkünfte, die Sozialeinrichtungen, Kasinos und Wohnungen, […] all das stellt das Höchstmaß von Aufwand dar, an den man überhaupt denken kann.” Er forderte “Umstellungen” im Sinne von Einsparungen ((MH), S. 166f). 

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