Kopfzerbrechen um Schiller-Schädel
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Nachdem Friedrich von Schiller am 9. Mai 1805 gestorben war, wurden seine Obduktions­überreste am 12. Mai gegen 1 Uhr nachts im Kassen­gewölbe auf dem Jakobs­friedhof in Weimar beigesetzt. Anders als vielfach behauptet, handelte es sich nicht um ein “anonymes Massen-” oder “Armengrab”, vielmehr um eine Gruft, in der um 1800 viele angesehene Weimarer “höherer Stände” in Holz-/Zinnsärgen beerdigt wurden, wenn ihnen in Weimar kein eigenes Familien-Erbbegräbnis zur Verfügung stand. Mehr als das konnte sich die Witwe Charlotte von Schiller nicht leisten, denn das gemeinsame Nobel-Haus an der “Esplanade” (heutige Schillerstr. 12) war nicht abbezahlt, weitergehende Ersparnisse waren nicht da. Die ungewöhnlich scheinende Tageszeit der Bestattung “in aller Stille” wird vielfach als ein besonderes Vorrecht erklärt, das normalerweise nur Ministern, echten Räten oder dem Adel zustand. “Überstürzt”, wie ebenfalls behauptet, war die Beisetzung nicht, denn zwischen dem Tod und der Beisetzung lagen drei (warme) Tage. Eine Todesanzeige mit Hinweis auf die Feier am folgenden Sonntag war geschaltet worden. Nach einer schwachen Trauerrede durch General-Superindendent Vogt spielte man Mozarts Requiem. Dass Goethe nicht teilnahm, ging wohl auf seine generelle Haltung zurück: Er nahm nicht an Trauerfeiern teil.

Der damals schon international bekannte und verehrte deutsche Schriftsteller mit französischer Ehren-Staatsbürgerschaft (1792 verliehen von der revolutionären Nationalversammlung), den Herzog Carl August von Weimar 1802 geadelt und noch kurz vor dem Tode, 1804, eine Verdoppelung seines Salärs auf 800 Reichsthaler / Jahr zugesagt hatte, erhielt somit eine durchaus würdige Bestattung – seiner Zeit gemäß – wenn auch kein eigenes Grab mit Stein, zu dem seine Fans hätten pilgern können. Über die haarsträubenden Zustände im “Kassengewölbe” wie auch andernorts auf dem Jakobsfriedhof war seinerzeit öffentlich nichts bekannt. Vielleicht hatte man auch andere Sorgen: Napoleons Armeen näherten sich Weimar und man denke nur an die Plünderungen, Brände, Morde und Vergewaltigungen nach der verlorenen Schlacht von Jena & Auerstedt.

Einige Quellen berichten, dass Totengräber Bielke sen. zwischen 1805 und 1826 sechsmal Särge zerkleinert und deren Inhalt “beiseite geschafft” hat. War auch Schillers Sarg darunter? Heute lässt sich das wohl nicht mehr klären. Jedenfalls beschlossen im März 1826, also 21 Jahre nach Schillers Ableben und zwei Jahre vor dem Tode des Großherzogs Karl August, der Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe, Oberbaudirektor Coudray, Hofrat und Leibmedicus Dr. Schwabe sowie Stadtschreiber und Hofadvokat Aulhorn einen Ortstermin. Die Gruft war inzwischen überfüllt, dazu verfallen, die Särge waren verrottet, die Beschriftungen – sofern vorhanden – nicht mehr lesbar, “ein Chaos von Moder und Fäulnis”. Eine “Einebnung” – wie auch heute auf den meisten Friedhöfen Deutschlands – war erforderlich geworden, hatte das zuständige Landschaftskassen-Direktorium schon Ende 1825 befunden. Das Kassengewölbe war voll, kein Sarg passte mehr hinein. Anlass zur expliziten Suche nach Schillers Überresten war sowohl der Wunsch seiner Witwe wie auch der der Öffentlichkeit (ein Jugendfreund Schillers drohte Weimar 1826 gar mit Brandstiftung, sollte der Schriftsteller nicht endlich ein angemessenes Denkmal erhalten). Nach dem ersten Ortstermin wurde die Aktion aber erst einmal abgeblasen.

In einer der folgenden Nächte nahm Bürgermeister Schwabe es selbst in die Hand. Mit den Gehilfen Schröter und Färber und evtl. weiteren drei Tagelöhnern, ging er in einer geheimen nächtlichen Aktion daran, die Gebeine Schillers aus der Gruft zu bergen. Man wühlte ziemlich pietätlos in den Leichen-Überresten herum auf der Suche nach etwas, das zu Schiller passen könnte, und nach drei Nächten ließ sich Schwabe schließlich einen Sack mit 23 Schädeln aus der Gruft in seine Wohnung bringen. Dort hatte er eine Erleuchtung: “Das muss Schillers Schädel sein!”, als er alle nebeneinander aufgereiht vor sich sah. Gemeinsam mit Schillers Diener Rudolf verglich man den Kopf mit der Totenmaske, die Johann Christian Ludwig Klauer 1805 noch vom Verstorbenen angefertigt hatte. Der Vergleich bestätigte Schwabes Erleuchtung.

© Bildrechte: Ekrim, mit freundl. Genehmigung der Klassik Stiftung Weimar 22.07.2021

Doch wohin nun mit dem Gebein? Schwabe stellte sich eine einfache Säule an der Friedhofs-Stelle vor, die sich aber Großherzog Karl August für die Fürstengruft reserviert hatte. Ob nun Goethe oder Karl August zuerst die Idee hatten – Staatsminister Goethe ließ die Knochen schließlich in der Anna-Amalia-Bibliothek unterbringen, im verschließbaren Sockel (Piedestal) einer lebensgroßen Schillerbüste von Heinrich Dannecker (Bild links). Das hatte man schließlich auch mit dem Schädel von Gottfried Wilhelm Leibniz und anderen schon so gemacht, warum also nicht. Am 17. September 1826 fand dazu in geschlossener Runde eine Feierstunde statt, bei der auch Schiller-Sohn Ernst anwesend war. Er hatte sich mit dieser Lösung einverstanden erklärt, da sich die Idee eines Familiengrabs zerschlagen hatte (Charlotte von Schiller war kurz zuvor in Bonn, 5 Tage nach einer Augen-OP, an einem Schlaganfall gestorben und eine Überführung des Leichnams war damals nicht möglich). Zwischen dem 23. und 27. September sammelte man noch einige Knochen aus der Gruft und “schraubte” ein Skelett zusammen. Auch dieses wurde in einem Holzkasten in der Bibliothek gelagert. DNS-Tests ergaben 2006, dass diese Skelett-Teile von mindestens drei verschiedenen Menschen stammen und zwar von anderen als der Schädel …

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Eigenmächtig ließ sich Goethe den Totenschädel seines Freundes am 24. September 1826 heimlich in seine Wohnung am Frauenplan bringen. Er bewahrte ihn dort bis Ende August 1827 auf einem blauen Samtkissen unter einem besonderen Schauglas in einem Standmöbel auf. Als nun König Ludwig I von Bayern 1827 Schillers Grab besuchen wollte, kam es zum Skandal, denn ein Grab gab es nicht. Schnellstmöglich wanderte das Gebein aus Goethes Privathaus wenigstens in die Anna-Amalia-Bibliothek (Bild links: der nach dem Brand von 2004 restaurierte Rokkoko-Saal) zurück. Doch als man Ludwig I. statt eines würdigen Grabes nur den Schiller-Schädel in der Bibliothekschublade zeigte, war dieser “not very amused”. Kritik gab es auch von der protestantischen Landeskirche, die “Bestattungen in Bibliotheken” ablehnte. Herzog Carl August beschwichtigte die Gemüter, indem er den Totenschädel und die übrigen Knochen am 29. Dezember 1827 “einstweilen” in die gerade neu erbaute Fürstengruft auf dem Historischen Weimarer Friedhof umbetten ließ. Jahrelang schien nun alles am richtigen Platz im verschlossenen Sarg zu sein – so die offizielle Geschichte.

Aber war es wirklich der Schädel Schillers, der von Goethe wie eine Reliquie aufbewahrt wurde? Und war es wirklich der gleiche Schädel, der dann in die Fürstengruft überführt wurde (Bürgermeister Schwabe bezeugte dies)?
Zweifel an seiner Echtheit meldete der Hallenser Anatom Hermann Welcker 1883 an. Der 1826 geborgene Schädel sei zu groß, ergab eine “auf quantitative Morphologie gegründete Identifizierungstechnik” – zum Beweis setzte er ihm einen Lederhut Schillers auf, der Hut passte nicht auf den Kopf.

1911 wollte August von Froriep es wissen. Er grub dort, wo das inzwischen zerstörte Kassengewölbe des Jakobsfriedhof war, schnappte sich zwischen dem 28. August bis 1. September alle 63 dort auffindbaren Schädel. Die Gutachterkommission der Anatomischen Gesellschaft erklärte eines seiner Fundstücke zum echten Schiller-Schädel. Kurzerhand wurde 1914 auch dieser Froriep-Schädel in die Fürstengruft aufgenommen, “abseits und ohne Namenaufschrift, ein unscheinbarer Sarg mit diesem zweiten Schillerschädel und den ihm zugeordneten Knochenresten”. Weitere Untersuchungen widersprachen diesem Ergebnis wieder; darunter eine Gesichtsrekonstruktion und Ähnlichkeitsanalyse durch den Moskauer Antropologen und Archäologen Mikail Gerassimov. Er hielt den Schwabe-Schädel von 1826 für echt, den von Froriep von 1911 für unecht.

Aber auch an der Echtheit des Schwabe-Schädels gab es berechtigte Zweifel: 1926 entdeckten Wissenschaftler aus Jena und Halle Zahnersatz-Reste im Kiefer – Schiller hatte aber ein – bis auf einen fehlenden Zahn – intaktes Gebiss. 1959 stellte Herbert Ullrich fest, dass jemand dem Schwabe-Schädel sieben fremde Zähne im Ober- und Unterkiefer eingesetzt hatte. Die Zähne waren an den Wurzeln passgerecht zugefeilt und fachmännisch in die leeren Zahnfächer eingesetzt worden. Auf einem Gipsabguss des Schädels von 1827 sind diese falschen Zähne schon zu sehen. Die Manipulation, schlossen die Forscher daher messerscharf, muss vorher stattgefunden haben – also zwischen 1805 und 1827.

2006-2008 sollten umfangreiche DNA-Tests die Entscheidung bringen, welches der beiden Gebeine echt ist. Die Überraschung: Keiner der Schädel ist von Schiller – vorausgesetzt, er war wirklich Sohn seiner Mutter Elisabetha Dorothea Schiller, geb. Kodweiß, und Vater seiner Kinder Carl, Ernst, Caroline und Emilie. Gegenteiliges wäre sehr unwahrscheinlich – auch wenn es zu seiner Zeit schon das Gerücht gab, Schiller sei ein uneheliches Kind seines ehemaligen Landesherrn Carl Eugen von Württemberg gewesen. Das hat wohl auch der Landesherr vermutet, gab es doch eine gewisse Ähnlichkeit und Carl Eugen war als Schwerenöter bekannt. Doch in der Gruft des Ludwigsburger Schlosses von Karl Eugen entnommene DNA-Proben stimmen auch nicht mit denen des Schwabe-Schädels überein (Schiller kann durchaus ein uneheliches Kind des Württemberger Herzogs gewesen sein, da der Schwabe-Schädel ja nicht seiner ist). Dass er adoptiert wurde und zugleich auch nicht der Vater seiner vier Kinder gewesen sein könnte, welche nachweislich den gleichen Vater hatten, ist aber unwahrscheinlich, zumal sich die genetische Verwandschaft zwischen Schillers Schwester und seinen Kindern nachweisen ließ. Um die Verwirrung noch zu vergrößern: Auch die “Schillerlocken” aus diversen Museen sind nicht von dem Mann, der Vater der Schiller-Kinder war – ergab die DNS-Analyse.

Vielleicht ist derjenige, von dem der Schwabe-Schädel wirklich stammt, mit dem Troß nach Weimar gekommen, der 1804 Maria Pawlowna aus St. Petersburg nach Weimar begleitete? Sie hatte am 3. August in Petersburg den Weimarer Erbprinzen Carl Friedrich geheiratet – man hoffte in Weimar auf russische Unterstützung gegen Napoleon – und zog mit Gefolge anschließend nach Weimar, wo es tagelange Festivitäten gab. Auf diese Folgerung deutet die Haplogruppe H6A der Schwabe-Schädel-DNS hin, die hauptsächlich in Rußland und Osteuropa vorkommt. In oder bei Weimar wäre er dann nach nur sehr kurzer Zeit verstorben, so daß seine auffallende Ähnlichkeit mit dem Dichter niemandem weiter aufgefallen sein könnte – bis auf demjenigen, der die Schädel vertauschte und die Zähne einsetzen ließ.

Im verschlossenen Schillersarg fand man übrigens 2006 zwei Schädel statt einem. Dieser weitere Totenkopf konnte mit großer Wahrscheinlichkeit als das ehemalige Haupt von Goethes Duz-Freund Herzog Carl August von Weimar identifiziert werden, dem Vater des o.g. Erbprinzen. Wie er sich in den Schillersarg verirren konnte, weiß niemand – man vermutet “DDR-Vandalismus”.

Der von Froriep 1911 geborgene Schädel entpuppte sich als Gebein der 1. Hofdame von Herzogin Anna Amalia, Louise von Göchhausen, der Goethe und ihr damals noch jugendlicher Sohn und Nachfolger Carl August manchen Streich gespielt hatten. Warum August von Froriep sich so energisch für weitere Grabungen auf dem Jakobsfriedhof eingesetzt hatte und überzeugt war, dass der Schwabe-Schädel nicht der richtige ist … wusste er von seinem Großvater mehr?

Was war geschehen? Hatte Froriep sen. den Schädel beiseite geschafft? Hatte Totengräber Bielke vielleicht den echten Schiller schon vor 1826 “entsorgt”? Wurde der Schädel durch Goethe 1826/27 mit dem eines “Doppelgängers” vertauscht?

Schädelsammeln kam nach 1800 gerade groß in Mode. Ausgelöst wurde der Hype durch den Anatom Franz Joseph Gall, der nach seiner Ausweisung aus Österreich 1805 auch nach Weimar kam, hier vielbeachtete Vorträge hielt und eine größere Schädelsammlung besaß. Nacheiferer von Gall sammelten europaweit Schädel. Gall arbeitete u.a. an der Kraniometrie, er erhoffte sich durch Schädelvermessung Rückschlüsse auf die Form des Gehirns. Dies löste eine Welle von Grabschändungen aus, so verschwanden auch die Schädel von Joseph Haydn, Betty Roose und René Descartes. Gall vermachte einen Teil seiner Schädelsammlung schließlich dem österreichischen Landgerichtsarzt Anton Rollett. Im Rollettmuseum in Baden (Niederösterreich) befinden sich heute noch 78 Schädel aus Galls Sammlung. Ein anderer Teil der Gall-Sammlung findet sich in Paris.

Auch der Großvater von August von Froriep (der Chirurg und Verleger Ludwig Friedrich von Froriep (1779–1847)) war Gall-Fan und besaß eine Sammlung von 1.500 Totenköpfen. Der Genealoge Dr. Ralf G. Jahn stellte nach ausführlichen Quellenuntersuchungen die Hypothese auf, dass Ludwig Friedrich von Froriep den Schädel gezielt ausgetauscht haben könnte. Froriep besaß die Fachkompetenz sowie die Gelegenheit und hatte als fanatischer Anhänger des Phrenologen Dr. Franz Joseph Gall auch ein Motiv dazu. Froriep sen. war einer der Sargträger bei der nächtlichen Beisetzung Schillers am 12. Mai 1805. Und er war 21 Jahre später der Vorsitzende ebenjener Schädel-Kommission, die die Echtheit des von Schwabe gefundenen Schädels bescheinigt hatte.

Wo auch immer Schillers Überreste abgeblieben sind – sein Sarg in der Fürstengruft ist seit 2008 leer. Die Suche nach dem echten Schädel wurde 2009 von Ursula Wittmer-Backhofen (Institut für Anthropologie, Freiburg) offiziell als beendet erklärt – alles andere sei zu aufwendig. Aber eigentlich ist es doch traurig, wenn man annehmen muss, dass der echte Schädel des großen deutschen Dramatikers unbeachtet in irgendeiner europäischen Sammlung verstaubt, während Schillers Sarg in der Weimarer Fürstengruft für immer leer bliebe. Das kann doch nicht das Ende der Schädel-Story sein?

Teuer und aufwändig sollten weitere Suchen nicht sein. Denn die Schiller-DNS ist nun bekannt und nur ca. 1,5% der Menschen haben einen solch großen Dickschädel wie Schiller. Aus einer Sammlung wie der Frorieps mit 1.500 Exemplaren kämen somit statistisch nur ca. 23 Totenköpfe für eine DNS-Analyse in Betracht. Ich spende gern ein paar Euro.


© Rechte am Beitragsbild: Public Domain via Wikicommons 2016

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