Schillers Tod: TBC, Drogen und Tapete

Rechte Verschwörungstheoretiker befassen sich nicht nur mit der Moderne, sondern machen selbst vor der deutschen Klassik nicht Halt. Eine These etwa lautet seit 100 Jahren, der „Nationalheld“ Friedrich Schiller sei nicht an seinen vielen, teils langjährigen Leiden gestorben, sondern gezielt vergiftet worden. Beweise für eine Tötung gibt es nicht, es gibt aber gewisse „Merkwürdigkeiten“ zum Tod von Schiller, mit denen Pseudowissenschaftler seit Jahrzehnten ihre Mordthesen unterfüttern wollen.

Erstmals stellte Mathilde Ludendorff in ihrem antisemitischen und paranoiden Machwerk „Der ungesühnte Frevel“ solche „Fragen“ zusammen. Das Buch ist ab 1928 mehrfach in hoher Auflage erschienen und heute noch mitunter antiquarisch erhältlich. Mathilde Ludendorff war die 1. Ehefrau von General Erich Ludendorff, dem „Helden von Tannenberg“ aus dem 1. Weltkrieg, der die Dolchstoßlegende miterfand und 1923 Hitlers gescheiterten Münchner Putschversuch unterstützte [1]. Mathilde Ludendorf gründete den „Tannenbergbund“, eine rechtsradikale Vereinigung der Weimarer Zeit, der etliche Verschwörungstheorien entwickelte und vertrat [2]. Nachfolger ist der weiterhin existierende „Bund für Deutsche Gotterkenntnis“ in Tutzing, der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem und antisemitisch eingestuft wird [3]. So ist die Ermordungsthese von Beginn an eine rechte Legende, die auch heute noch immer wieder mal, abgewandelt oder aufgewärmt, aus dieser politischen „Ecke“ gesendet wird. Fehlinformationen und Fehlbewertungen werden abgeschrieben, finden im Web geneigte unwissende Leser und lösen dann leider neue Debatten zu eigentlich geklärten Fragen aus.

Ludendorffs Punkte lassen sich – bereinigt um die pathologische und abstruse Grundannahme einer jüdischen Weltverschwörung, die sich der Freimaurer und Illuminaten zur praktischen und verbrecherischen Manipulation der Welt bedient habe – im folgenden einordnen.

Ludendorff: Schiller habe sich Feinde bei den Illuminaten gemacht, durch seine aufklärerischen Frühwerke wie den „Don Carlos“.

Friedliche Verschwörung edelster Männer

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Adam Weishaupt († 1830)

Der Orden der Illuminaten wurde am 1. Mai 1776 von Adam Weishaupt (Ordensname: „Spartacus“) in Ingolstadt gegründet, als politisches Gegengewicht zu den erzkonservativen Jesuiten und esoterischen Rosenkreuzern [4] – übrigens nur zwei Monate vor der Unabhängigkeitserklärung der USA am 4. Juli 1776 [5]. Die – heute würde man sagen politisch linken – Illuminaten (=“Erleuchteten“) blieben zunächst eine Art Studienkreis mit dem Ziel, „eine Gesellschaft aufzubauen, die nach Aufklärung und Vernunft strebt“, und zwar friedlich mit Hilfe von Bildung und „Empfehlungen“ eines „Bündnisses des Edelsten, einer heiligen Legion unüberwindlicher Streiter für Weisheit und Tugend“ [6].


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Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge († 1796)

Erst mit Aufnahme des Freiherrn Adolph Knigge (Autor des berühmten Buches „Über den Umgang mit Menschen“) und seiner führenden Rolle in der Logenleitung (=Areopag) kam ab 1780 Schwung in die Sache. Knigge (Philo) akquirierte schnell neue Mitglieder, indem er für Strukturen wie bei den Freimaurern sorgte und für eine Legende (heute würde man sagen: ein attraktives Narrativ), wonach die Illuminaten die Erben einen kleinen Gesellschaft von Männern seien, die sich seit Jahrhunderten für Rechtschaffenheit und gegen „Verderbniß“ eingesetzt hätten.

Warum überhaupt ein Geheimbund? Antwort: Die Ideale der Aufklärung im monarchistisch-absolutistischen Deutschland öffentlich zu vertreten, war damals so gefährlich (zumindest ein „Karrieretöter“) wie heute in Russland oder der Türkei, für die Meinungsfreiheit zu demonstrieren.

Nach 1782 (dem Grundsatzstreit auf dem Wilhelmsbader Freimaurerkonvent) traten auch führende Adlige den Illuminaten bei [7]. Zu seinen Glanzzeiten hatte der Orden deutschlandweit mehr als 1.200 Mitglieder, „darunter befinden sich die besten Adressen der Zeit“ [8]. Doch der Boom der Illuminaten ging schon längstens 1787 zuende.

Weishaupt kam nach Verbot des Ordens und Flucht aus Bayern bei Herzog Ernst II von Gotha („Quintus Severus“) unter, der ihn bis zu dessen Tod 1830 mit dem Posten eines Hofrates versorgte. Verschwörungstheoretiker und nicht zuletzt die völlig fiktiven Romane von Dan Brown oder auch Raymond Khoury verführen dazu, nach dem nur fünfjährigen Strohfeuer heute dennoch an den Fortbestand der Illuminaten zu glauben. Es gab natürlich weiterhin „Nachfolgeorganisationen“ wie die Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft, Freundschaften, Kontakte und Bestrebungen einzelner ehemaliger Ordensmitglieder – die Geheimorganisation aber war am Ende.

Die Illuminaten wollten Schiller haben

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Johann Joachim Christoph Bode († 1793).

Schiller kann sich durch sein aufklärerisches Frühwerk keine Logen-Feinde gemacht haben, vielmehr hat er sich den ab 1782 auch in Mannheim agierenden Illuminaten damit sogar empfohlen: Marquis Alba, der positive Held im „Don Carlos“, repräsentiert genau deren Ideale. Das Drama war sogar Anlass für den frisch gebackenen Illuminaten Herzog Carl August, Schiller den Titel eines „Weimarischen Rates“ zu verleihen. Der umtriebige Verleger Johann Christoph Bode („Aemilius“), sein Stuttgarter Lehrer Jakob Friedrich Abel („Pythagoras“) [9], Johann Friedrich Mieg („Epictet“) [10], Franz Michael Leuchsenring („Leveller“) und die Freunde Carl Ludwig Adolph Petersen („Belisar“) und Albrecht Friedrich Lempp wollten Schiller – wie manch anderer – für den Orden gewinnen: „der Illuminatenorden umkreiste Schiller“ [11].

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Wolfgang Heribert von Dalberg († 1806).

In Mannheim muss Schiller als „Grenzgänger“ zwischen die Fronten geraten sein, seine Unentschlossenheit machte ihn für mehrere Seiten verdächtig [12]. Die Vorteile des Ordens nahm Schiller gern an; Empfehlungen, Verbindungen, und konkreter: Publikationen, Lesungen und Aufführung seiner Stücke in Frankfurt und Hamburg. Auch inhaltlich neigte er zu den Illuminaten, es gab gemeinsame Werte. Sein Chef, der Theaterdirektor Wolfgang Heribert von Dalberg war jedoch traditionsverhafteter Maurer [13] und hatte sich seit 1782 zum Gegner der Illuminaten entwickelt. War dies vielleicht ein Grund, warum er Schiller lange „quälte“, die „Räuber“ für die Mannheimer Bühne umzuschreiben? Und war dies für Schiller auch ein Grund, dem Werben der Illuminaten in Mannheim nicht nachzugeben?

In einer „Instruction für Provincialen“ der Illuminaten hieß es: Man könne „denen, die nicht folgen, fürchterlich, gefährlich werden, empfinden lassen, wie gefährlich es sey, den Orden zu beleidigen“ [14]. Der Orden bediente sich zum Machterhalt eigentlich ähnlicher Methoden wie die vom Orden vielgeschmähten Jesuiten. Und tatsächlich beschimpfte der wichtigste – und von Schiller zunächst geschätzte – Mannheimer Schauspieler Johann Michael Boeck (zugleich Illuminat „Sophokles“) Schiller 1784 wüst auf offener Bühne – was diesem den Orden wohl nicht gerade sympathischer machte. Dalberg verlängerte den Arbeitsvertrag mit Schiller andererseits auch nicht.

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Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach († 1828).

Der freiheitsliebende Dichter verließ Mannheim 1784 mit dem Gefühl der Einsamkeit [15] – er hatte es sich sowohl mit den Illuminaten wie mit Dalbergs Maurern verscherzt – und setzte seine Hoffnung nun ganz auf den 1785 erst 28-jährigen Weimarer Herzog Carl August, der zu dieser Zeit gemeinsam mit Goethe als Illuminat sehr aktiv war.

Um 1780 hatte es im aufgeklärten Weimar einen regelrechten Logen-Hype gegeben [16]. Herzog Carl August wurde (neben Goethe) 1782 Mitglied in der Freimaurerloge „Amalia zu den drei Rosen“ – die Loge beendete ihre Arbeit im gleichen Jahr und „pausierte“ bis 1808 – und war vom 10. Februar 1783 bis 1785 Illuminat [17]. Der Weimarer Kreis um den Herzog, Goethe und Herder hatte auf die Geschichte der Illuminaten maßgeblichen Einfluß, wie man heute weiß [18].

Ludendorff: Schiller entwickelte sich zum Logengegner.

Schiller wurde, anders als Goethe und der Weimarer Herzog Carl August, wohl niemals Mitglied eines Bundes. Schillerfreund Christian Gottfried Körner (seinerseits Freimaurer bei „Minerva zu den drei Palmen“) später in einem Brief an Caroline von Wolzogen: „Schiller trat weder den Illuminaten noch einem anderen Geheimbund dieser Art bei, obwohl ihm manche Avancen gemacht wurden.“ [19]. Erste Kontakte zu Freimaurern hatte Schiller aber schon an der Stuttgarter Karlsschule, zwischen Stuttgart und Jena wurde Schiller von einem Netzwerk der Illuminaten umworben, die ihn ideel befruchteten, förderten und finanziell stützten. „Die Illuminaten übten ihre weitgespannte Wirkung […] vornehmlich mit Hilfe eines Geflechts persönlicher Verbindungen aus“ [20]. „Die Annäherungen […] reichten von unverfänglichen Begegnungen bis zu gezielten Werbeaktionen, von fördernder ‚thäthiger Freundschaft'“, dem Vermitteln von Posten, „bis zum fürstlichen Mäzenatentum, von schriftstellerischen und akademischen Kontakten bis zu geselligen Zirkeln im Salon und bei Freunden“ [21].

Schiller: Logen-Sympathisant, aber niemals Mitglied

Klar ablehnende oder feindselige Äußerungen gegenüber Freimaurern und Illuminaten gehen aus seinem Werk und Umfeld nicht hervor – im Gegenteil [22]. Für die Freimaurerloge Zu den drei Schwertern in Dresden fertigte Schiller die Ode An die Freude, von Beethoven in seiner berühmten 9. Symphonie, 4. Satz, als Chor vertont und uraufgeführt 1824. Dennoch scheint Schiller frühzeitig erkannt zu haben, dass heimliche Drahtzieherei und die Intrigen der Illuminaten – auch wenn in guter Absicht und mit hehrem Ziel – nicht zur Freiheit führen, sondern zu Überwachung, Willkür, Denunziation. So wie der weitere Verlauf der Französischen Revolution und später Napoleon dann vor Augen führten. Schiller stellte sich – wie viele seiner Zeitgenossen – die gleichen Fragen, die uns heute noch beschäftigen: Kann der gute Zweck die (schlechten) Mittel heiligen [23]? Darf man beim Streben nach Freiheit und Toleranz mit geheimdienstähnlichen Methoden vorgehen, intolerant gegenüber Abweichlern sein? Sind BND und Verfassungsschutz – beide wenig demokratisch kontrolliert – wirklich die geeigneten Instrumente, um eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen? Kann man mit intransparenten Strukturen erfolgreich für Aufklärung und Mündigkeit eintreten?

Ähnliche Überlegungen bestätigten Schiller in seiner skeptischen Haltung Geheimgesellschaften gegenüber, bei denen er frühzeitig „tyrannische“ Tendenzen wahrnahm.

Ludendorff: Schiller sei von Medizinern bewusst falsch behandelt worden, welche Logenbrüder waren (Malaria 1783/84).

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Franz-Anton Mai († 1814).

Seine erste offen schwere Erkrankung hatte Schiller im Alter von 24 Jahren im Juli 1783 in Mannheim. Die Malaria war damals im sumpfigen Rheintal verbreitet und wurde als „Wechselfieber“, „Faulfieber“ oder „Nervenfieber“ bezeichnet [24]. Es gab dort zu dieser Zeit eine Malaria-Epidemie, mehr als ein Drittel der Mannheimer erkrankte. Die Stadt war der reinste Krankheitspfuhl: Neben der grassierenden Malaria gab es die Ruhr, Typhus, ansteckende Tuberkulose und tödliche Grippen. Das Trinkwasser war so schlecht, dass sich der Mannheimer Hof dieses aus Heidelberg herbeischaffen ließ [25].

Schiller erkrankte erkennbar an Malaria, welche ganz typisch im dreitägigen Rhythmus Fieberschübe mit sich brachte. Er behandelte sich selbst, ließ sich von Theaterarzt Franz-Anton Mai beraten, der als volksnaher und humorvoller Hygieniker und späterer Professor in Heidelberg recht moderne medizinische Ansichten hatte [26]. Es gibt keine Hinweise, dass Mai Illuminat gewesen sein könnte.

Vor Beginn des Fieberschubs nahm Schiller Tagesdosen „Chinarinde“ – seit etwa 1630 wusste man, dass „Chinarinde“ (Cinchona pubescens, benannt nach der Gräfin von Chinchón) als Mittel gegen Malaria wirkt, aber erst 1792 wurde das darin enthaltene „Chinin“ als der eigentliche Wirkstoff entdeckt. Chinarinde war sehr teuer, da sie aus Südamerika importiert werden musste (und nicht etwa aus China, wie der irreführende Name nahelegt). Die Medikamentation war insoweit zielgerecht und nicht „falsch“, sofern bei der Dosierung nicht übertrieben wurde. Nur dank seiner Freunde und Gönner (u.a. Verleger Christian Friedrich Schwan und Freund und Musiker Johann Andreas Streicher – beide keine Illuminaten) konnte sich Schiller die teure Behandlung mit dem modersten Malaria-Mittel seiner Zeit leisten.

Eine Chinin-Überdosierung kann viele schwere Nebenwirkungen haben, darunter Methämoglobinämie [27], eine Oxidation der roten Blutkörperchen, welche Kopfschmerz, Müdigkeit, Luftnot und Lethargie auslösen kann bis hin zu Atemnot und Tod. In hoher Dosierung führt Chinin zu Erblindung und Herz- oder Atemlähmung. Von solchen schweren Symptomen ist bei Schiller aus dieser Zeit nichts berichtet, er klagte aber über Schwäche und Lethargien – was wohl andere Ursachen hatte (im folgenden). Ob Schiller die Malaria jemals vollständig ausheilte, ist fraglich.

Brechmittel gegen Malaria, Ruhr und Tuberkulose

Entsprechend dem Wissensstand der Zeit nahm Schiller selbstverordnet „Brechmittel“, die gegen Malaria natürlich unwirksam sind. Damals aber war dies ein Allheilmittel, das gern eingesetzt wurde – und so absurd, wie es klingt, ist es nicht. Denn die hygienischen Zustände in Mannheim waren katastrophal und gegen Vergiftungen durch schlechte Lebensmittel etc. wird heute noch akut ein „Leerpumpen“ des Magens angewandt. Auch die viel geschmähte „Wassersuppe“, mit der sich Schiller wochenlang ernährte („Hungerdiät“) [28], hatte etwas für sich. Denn durch Erhitzen werden bekanntlich Erreger getötet, die das Rheinwasser besiedelten.

Allerdings werden diese ernährungstechnisch recht rabiaten Methoden die Konstitution des jungen Schiller nachhaltig geschwächt haben, zumal er noch dazu wochenlang unter einer schweren Grippe litt. Erst nach dem Abschied aus Mannheim ging es gesundheitlich in Leipzig und Dresden wieder etwas aufwärts, und übrigens im Haus des „Logenbruders“ Christian Gottfried Körner, in dessen Auftrag er schließlich die „Ode an die Freude“ dichtete (s.o.). Die Mannheimer Episode steht beispielhaft im Gegensatz zu Ludendorffs Behauptung, Schiller sei wenige Tage vor seinem Tode noch kerngesund gewesen und Illuminaten oder Freimaurer hätten ihn medizinisch „bewusst falsch behandelt“.

Ludendorff: Im unvollendeten Werk „Demetrius“ drohe Schiller 1805, die Machenschaften der Logen aufzudecken – eine Ursache für den Mord an ihm. „Zerreißen will ich das Geweb der Arglist, aufdecken will ich alles, was ich weiß.“

Schiller und Goethe im Zeitalter Napoleons

Im Demetrius-Fragment befasste sich Schiller mit der Frage der Legitimität von Herrschaft, um ein plattes Schlüsseldrama (etwa Demetrius = Napoleon) handelt es sich nicht. Doch griff der Dichter in seinen historischen Dramen gerne politisch-philosophische Fragen des Zeitgeistes auf – so auch hier.

Im Stück glaubt der junge Demetrius, Sohn des Zaren Iwans IV. zu sein und beansprucht die Kreml-Herrschaft vor dem polnischen Reichstag. Er kann den Sejm überzeugen, in den Krieg gegen Moskau zu ziehen, um Boris Godunow (Regent für den geistig zurückgebliebenen Zaren Fjodor I.) vom Thron zu stoßen. Lediglich Fürst Leo Sapieha hat im 1. Akt des Dramas erhebliche Zweifel an Demetrius‘ Herrschaftsanspruch, ihn zitiert Ludendorff fast richtig: „Zerreißen will ich DIES Geweb der Arglist, […]“ heißt es bei Schiller. Das Wort „dies“ und damit dieser eindeutige Bezug ist von Ludendorff verschleiert und umgedeutet worden [29]. Dass sich das Zitat auf Freimaurer beziehen könnte, ist aus der Luft gegriffen. Nirgends im Demetrius-Fragment gibt es einen Bezug zu Freimaurern oder Logen. Die Zeit der Illuminaten war fast 20 Jahre her und man hatte nun ganz andere Sorgen.

Die napoleonischen Kriege warfen ihre Schatten auch in Deutschland voraus: Die überschwengliche Hoffnung auf dauerhaften Frieden (Verträge von Lunéville und Amiens 1801) war durch den erneuten Krieg mit England und die Besetzung Hannovers 1803 ins Wanken geraten [30]. Die Entführung des Louis Antoine de Bourbon, Herzog von Enghien, aus dem deutschen Ettenheim und seine rechtswidrige Exekution am 21. März 1804 in Vincennes erregte die Gemüter [31]. Der Zeitgeist wurde 1804/05 von Napoleon beherrscht, der sich am 2. Dezember 1804 selbst zum Kaiser gekrönt hatte [32]. Zu dieser Zeit arbeitete Schiller bereits am Demetrius, legte aber wiederholt Pausen ein (Ende April 1804, August bis Oktober 1804, Mitte Dezember 1804 bis Mitte Januar 1805) [33].

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Napoleon überquert die Alpen (Belvedere-Version Wien von 1800).

Napoleons Expansionsdrang zeigte sich in Europa noch zu Lebzeiten Schillers bereits in der Besetzung der rechtsrheinischen deutschen Gebiete (Elsass, Lothringen), der Annexion von Piemont, der gewaltsamen Bindung der Schweiz an Frankreich, der Verordnung einer neuen Verfassung für Holland und im Streit um Malta. Dazu Schillers Grundannahme im Drama: Der neue Herrscher ist so lange gütig, bis er realisieren muss, dass sein Thronanspruch nicht legitim ist. Nun treten Lüge, Machterhalt und Egoismus in den Vordergrund.

Napoleon hatte sich durch eine geschönte Volksabstimmung am 2. August 1802 zum Konsul auf Lebenszeit erklären zu lassen. Im Demetrius lässt Schiller Fürst Sapieha sagen: „Der Staat muß untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet“ – dies liest sich wie ein Kommentar zu jener Volksabstimmung. Für eine Selbstkrönung zum Kaiser schließlich fehlte Napoleon jegliche Legitimation. Mit den nicht enden wollenden Feldzügen 1805 – 1815 trat der pure Machtwille des Kaisers immer deutlicher in den Vorder- und der Reformwille in den Hintergrund.

Das Demokratie-Zitat ist vielfach benutzt und auch missbraucht worden, um die Beschränktheit von Demokratie zu belegen. Doch Schiller war klüger als diejenigen, die ihn in diesem Zusammenhang zitieren: das Wort „und“ ist im Satz das wichtigste Wort. Gemeint ist: Eine Mehrheit allein bietet keine Garantie dafür, dass eine Entscheidung richtig und gut ist. Es muss auch sichergestellt sein, dass diese Mehrheit bei Verstand ist – durch Aufklärung, charakterliche und geistige Bildung, Vernunft.

Goethe bewunderte Napoleon als energischen Herrschertypen vergleichbar einem klassischen römischen Diktator, der endlich die Greuel des französischen Revolutionsterrors mutig beendete. Er hatte Sympathien für die Abschaffung feudaler Privilegien (ein Ziel, dass auch die Illuminaten vertreten hatten) und erwartete von Napoleon, in Europa mit modernen Verfassungen dem Geist (der Aufklärung) Raum zu verschaffen. Für ihn war Napoleon Exponat einer Naturkraft, gegen die nichts auszurichten sei [34], er mythisierte ihn als Prometheus – Schiller hatte Goethes „Prometheus“ die „Räuber“ entgegengesetzt.

Schiller sah in Napoleon einen wenig geistvollen Tyrannen, Bewunderung empfand er für ihn nie [35]. Er sah das Wirken von menschlicher Idee, Leidenschaft und Lüge als Triebfeder der Geschichte, nicht eine abstrakte „Naturkraft“. Die unterschiedliche Sicht auf Napoleon beeinträchtigte die Freundschaft zwischen den Weimarer Literaten zwar (noch) nicht, man ging dem Thema aber zur Sicherheit aus dem Weg. Wäre Schiller nicht am 9. Mai 1805 gestorben, hätte sich die Kluft zwischen beiden nach der Schlacht von Jena und Auerstadt (14. Oktober 1806) womöglich vertieft [36].

Goethe: Egoistisch und indifferent

Als Geheimrat, Berater und Repräsentant der fürstlichen Familie hatte Goethe auch nach den schrecklichen Plünderungen Weimars am 14.-16. Oktober 1806 eine andere Position als der bis zu seinem Tode 1805 in seinem Denken freiere Schiller. Diese – im Interesse des Erhalts des Fürstentums, aber auch der eigenen Privilegien – kompromisslerische Haltung vertrat er dann selbst, inhaltlich [37]. Napoleon-kritischere Geister wie der Publizist Friedrich von Gentz schimpften Goethe deshalb einen Egoisten und „Indifferentisten“ [38].

Eine Ironie der Geschichte ist, dass der Geheimrat des Herzogs und seit Geburt adelige Goethe den Besatzer Napoleon zunehmend bewunderte, während der dem Adel gegenüber eher distanzierte, freiheitsliebende und erst spät geadelte Schiller skeptisch bis ablehnend blieb. Eine weitere Ironie ist, dass der Napoleon-kritische Schiller von der französischen Nationalversammlung noch im Kriegsjahr 1792 die Ehren- und Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hatte, er aber mit den radikalisierten Jakobinern nichts mehr am (roten) Hut hatte. Er sah „weder die Schönheit noch die Notwendigkeit der Guillotine“, wie es in einem Text heißt, der auf das Schillerjahr 1955 in der DDR Bezug nimmt [39].

Dem entspricht, dass sich die Nationalsozialisten im „3. Reich“ mit einer Vereinnahmung Goethes einfacher taten als mit derjenigen Schillers. Von der Vereinnahmung Goethes zeugt die Benennung des KZ Buchenwald (statt Ettersberg) ebenso wie die Geschichte der „Goethe-Eiche“ in diesem KZ. Der Ausbau des Weimarer Goethehauses wurde von Hitler persönlich per Dekret mit Geld versorgt, wohingegen die Aufführung des Wilhelm Tell und seine Behandlung in der Schule ab 1941 verboten waren. Hitler beschrieb die Handlung des Dramas als Verherrlichung eines Schweizer Heckenschützen, der einen Tyrannenmord begeht [40]. Der Diktator war um seine persönliche Sicherheit besorgt, nachdem der Schweizer Theologiestudent Maurice Bavoud 1938 mehrfach erfolglos versucht hatte, ihn zu töten.

Ludendorff: Schiller sei noch wenige Tage vor seinem Tode bester Gesundheit gewesen. Schiller sei in drei bis vier Schüben mit Schierling-Gaben vergiftet worden.

Infektionen, Malaria und Tuberkulose

Es kann keine Rede davon sein, dass Schiller noch Tage vor seinem Ende „bester Gesundheit“ gewesen sei. Die Krankengeschichte Schillers beginnt bereits an der Karlsschule in Stuttgart (1773-1780). Belegt sind schon hier viele krankheitsbedingte Fehlzeiten: „Häufige Aufenthalte im Hospital aufgrund Erkältungen und Fieberanfällen nutzte Schiller zu literarischen Studien“ [41]. Die Tuberkulose grassierte, Schillers Freund Johann Christian Hiller starb daran und Schiller musste im Rahmen seiner Ausbildung zum Militärarzt an der Autopsie teilnehmen. Ein ihm besonders nahestehender Mitstudent und Freund, Johann Christian Weckerlin, verstarb ebenfalls an dieser Krankheit [42]. Möglich, dass sich der junge Dichter bereits in dieser Zeit ansteckte, möglich ist aber auch eine ingestive Tuberkulose-Infektion in Mannheim (1782-1784).

Ebsteins posthume Diagnose einer Darmtuberkulose [43] legt nahe, dass die Infektion über das Trinkwasser oder verseuchte Lebensmittel erfolgte („Infektion mit verschluckten Sputis“ – s.o.). In der Folgezeit plagten den Dichter – neben der Malaria – immer wieder Symptome, die der Darmtuberkulose zugerechnet werden können, die man damals aber weder erkannte noch behandeln konnte. Das zugrunde liegende, robuste Mycobacterium tuberculosis wurde erst 1882 von Robert Koch isoliert, es übersteht selbst Magensäure. Im 17. Jahrhundert gab es die größte und längste geschichtliche Tuberkulosewelle. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert [44].

Die Krankheit kann lange gekapselt und ohne Wirkungen bleiben, dann vor allem während Schwächephasen sehr unterschiedliche, komplexe Symptome ausbilden, schließlich alle Organe sowie Knochen befallen und mit anderen Krankheiten wie einer Rippenfell- oder Lungenentzündung verwechselt werden, die auch infolge einer Tuberkulose-Grunderkrankung auftreten kann [45]. Daher neigen andere medizinische Interpreten dazu, bei Schiller von einer verschleppten oder chronisch gewordenen Lungenentzündung als eigentlicher Todesursache auszugehen, unstreitig ist aber die umfangreiche und einen langen Zeitraum umfassende Krankenakte des Dichters.

Malaria-Rückfälle (Mannheim) plagten Schiller noch bis 1784. Ab 1787 begann eine Kette von Beschwerden (Katarrhe und Schnupfenanfälle), die Rede ist von „dummen Geschichten im Unterleib“ (Durchfälle, Verstopfungen). Es kann sich einerseits noch um Folgen der Malaria gehandelt haben – oder bereits zunehmend um Symptome der sekundären Darmtuberkulose [46]. Die Krankheit zeigte sich 1791 erstmals deutlicher und wurde als „heftiges Katarrhfieber, Lungenentzündung, hitzige Brustkrankheit, Brustzufall, Brustfieber“ oder Asthma diagnostiziert.

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Professor Johann Christian Stark († 1811).

Der Schiller behandelnde, hochqualifizierte Jenaer Professor Johann Christian Stark – übrigens allem Anschein nach kein ehemaliger Illuminat – konnte damals noch nicht wissen, dass ein Frühstadium der Lungentuberkulose der Rippenfellentzündung ähnelt. „Dabei tritt zu einer beginnenden, bis dahin schleichend verlaufenen Lungentuberkulose, die dem Patienten überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen ist, eine scheinbar spontan einsetzende Pleuritis“ [47]. Stark war seit 1786 Hofrat von Sachsen-Weimar, Leibarzt der Herzogin Anna Amalia und des Herzogs Carl August, war auch Hausarzt von Friedrich Schiller und behandelte die Familie von Johann Wolfgang von Goethe [48].


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Hofarzt und Weimarer Geheimrat Wilhelm Ernst Christian Huschke († 1828).

So zeigte schließlich das Sektionsprotokoll des Weimarer Arztes Wilhelm Ernst Christian Huschke von 1805, dass Schillers linke Lunge mit Rippenfell und Herzbeutel fest verwachsen war – klar eine Folge stark entzündlicher und/oder tuberkulöser Prozesse. Die Erkrankung von 1791 war wohl schon eine linksseitige tuberkulöse Pleuritis; Schiller hatte anschließend auf der linken Brustseite noch jahrelang Schmerzen [49].

Unmotivierte Durchfälle, Verstopfungen sind typische Symptome einer einsetzenden Darmtuberkulose, Folgen der Bildung von Geschwüren im Darm. Seltener oder im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu Darmblutungen, über die Schiller 1804 schließlich als „hartem Stoß“ berichtete [50], verbunden mit kolikartigen Schmerzen. Verwachsungen und Verengungen im Darm können daneben Atembeschwerden, Übelkeit, Erbrechen, wehenartige Schmerzen bei einer Darmversteifung mit sich bringen. Schiller hatte schon 1797 von starkem Erbrechen und Durchfall berichtet – von Stark als Choleraanfall mißinterpretiert. Vielleicht wollte Stark Schiller dessen wahres Schicksal zu diesem Zeitpunkt aus Rücksicht verheimlichen, wie es auch heute noch viele Ärzte bei Schwerkranken tun [51]?

Schillers letzte Tage

Anfang 1805 hatte sich die Lage zugespitzt; Schillers Leib war aufgebläht, er litt unter hartnäckigsten Verstopfungen. Über Schwäche, die bis zur Ohnmacht reichte, berichtete Johann Heinrich Voß. Schiller am 22. Februar an Goethe: „Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen hatte, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert und ich werde Mühe haben, mich zu erholen“. Und: „[…] das Fieber war so stark und hat mich in einem schon so geschwächten Zustand überfallen, daß mir eben so zu Muthe ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstünde […]“ [52].

Noch am 29. April 1805 schleppt sich Schiller ins Theater zu „Klara von Hoheneichen“, er trifft Goethe. Schauspieler Genast: „Ich war erschrocken über sein blasses Gesicht mit fast gläsernen Augen“. Im Theater ein heftiger Fieberanfall [53]. Voß: „[…] hatte er ein heftiges Fieber, dass ihm die Zähne klapperten“. Ab dem 1. Mai steht nun auch das Bett im Arbeitszimmer. Am 2.5. liegt er dort auf dem Sofa im Halbdämmer. Nach einer kurzen Besserungsphase am 3. und 4. Mai, die aber von starkem Husten begleitet ist, kommt es am 5.5. zur Verschlechterung; abends Fieberphantasien, Nervenzucken, die Augen tief in den Höhlen liegend. Am 6.5. röchelt er mit kleinem Puls, Huschke behandelt ihn. Am 7.5. Versuch eines Gesprächs, aber Phantasieren und Halluzinationen. Am 8.5. verabschiedet er sich von Kindern, schaut dem Sonnenuntergang zu, bevor er fieberfantasiert. Am 9.5. nachmittags „völlige Schwäche“, dann ein Krampf und Ende ca. 17:45 Uhr [54]. „Überblicken wir Schillers Krankheitszustände in ihrer Gesamtheit, so sehen wir eine Kette von Leiden, denen er schließlich im Alter von 46 Jahren erlegen ist“ [55].

Genussmittel und Umweltgifte

In dieser Situation „benötigte“ Schiller sicher keine „Schierlingsgaben“ mehr für sein Ableben. Jedoch ist auch an der Giftthese ein missverstandenes Fünkchen Wahrheit. Denn er war in seinem Leben – teils freiwillig, teils unfreiwillig – diversen Giftstoffen ausgesetzt, die ihn zumindest schwächten.

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Zuviel Kaffee bringt den Stoffwechsel durcheinander.

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Nikotin fördert entzündliche Prozesse.

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Verboten schön: Schlafmohn. Opiate stören das Immun­system, führen zu Ver­stopfung bis zum Darm­verschluss.

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Alkohol schädigt alle Organ- und Kör­per­funk­tionen.

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Sieht aus wie Zucker und schmeckt süß, ist dabei hoch­giftig: Blei­zucker.

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Bleipflaster gehörten im 18. und 19. Jahrhundert zur medi­zi­ni­schen Stan­dard­aus­rüstung.

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Schweinfurter oder Pariser Grün – die tödliche Modefarbe des 19. Jahrhunderts.

Schiller war „Koffein-Junkie“ und wirkte seiner – wahrscheinlich der Tuberkulose zuzuschreibenden – „Konstitutionsschwäche“ mit reichlich Kaffee entgegen – übrigens sehr zum Missfallen Goethes [56]. Schillers Schreiber Schumann: „Nie durfte ich vor 12 Uhr vormittags zu ihm kommen, da er immer sehr spät aufstand und mehr des Nachts als am Tage dichtete“ [57]. Schiller rauchte seit seiner Jugend viel und schnupfte Tabak [58]. Auch Opium soll ihm in jungen Jahren nicht fremd gewesen sein [59].

Einen erheblichen Anteil seines Weimarer Jahressalärs von zuletzt 800 Talern [60] gab Schiller nachweislich für Wein aus, den er von Zapf in Jena, Fröhlich in Erfurt sowie auch über Goethe von Ramann in Erfurt bezog [61]. Hochgerechnet müssten pro Tag im Schillerhaus 1-3 Flaschen die Kehlen hinuntergeflossen sein – da Kinder und Frau sicher nicht die ausgiebigen Weintrinker waren, wird es zumeist der Hausherr selbst gewesen sein, der mit seinen Gästen den Rebensaft vertilgte. Für diesen war das eine Selbstverständlichkeit, denn viele seiner Vorfahren waren Winzer [62]. Hinzu kamen gern auch Liköre und andere Spirituosen [63].

Nun birgt viel Alkohol, wie wir heute wissen, ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Leberkrankheiten, Bauchspeicheldrüsenschäden, Herz-Kreislauf-Probleme, Krebs und langfristig auch psychische Probleme können die Folge sein. Zuviel Alkohol ist in Deutschland Todesursache Nr. 3. Auf Schiller bezogen sind Folgen wie Magengeschwüre und Magen-Darm-Beschwerden zu nennen und eine allgemeine Schwächung des Immunsystems, welche den Verlauf der Tuberkulose mit Sicherheit ungünstig beeinflusst hat [64].

Im 17. Jahrhundert kam es in Süddeutschland mehrfach zu Epidemien, die man seit der Römerzeit als „Colica Pictonum“ kannte: eine tödliche Krankheit geprägt von schweren Koliken, gefolgt von Lähmungen und anderen Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems. 1696 konnte der Zusammenhang dieser Krankheit mit Bleizucker bzw. Bleiweiß von Eberhard Gockel erstmals bewiesen werden [65]. Bleizucker oder Blei(II)acetat wurde gern zum Süßen genommen; die Chemikalie ist gut in Wasser löslich, konserviert und bindet die Säure. Trotz seiner Giftigkeit wurde Bleizucker bis ins 19. Jahrhundert als Zuckerersatz verwendet – insbesondere im Wein und vor allem in „sauren“ Jahren [66]. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich in Schillers Weindepot auch der eine oder andere derart gepanschte Wein befand [66.1].

Der Komponist Ludwig van Beethoven ist wahrscheinlich durch eine Vergiftung mit Bleizucker taub geworden [67]. Blei wurde auch medizinisch verwendet, obwohl man von seiner Giftigkeit wusste. So erhielt Beethoven sogenannte Bleipflaster als desinfizierenden Wundverschluss [68], nachdem er punktiert worden war. Da es noch keine Antibiotika gab, nahmen Mediziner die negativen Bleifolgen in Kauf – besser allemal als Wundbrand. Bei „Lungenschwindsucht“ oder „Bluthusten“ verabreichte man Bleipräparate als Hausmittel sogar innerlich [69] – es lässt sich nur vermuten, dass auch Schiller in seinen letzten Wochen so behandelt wurde bzw. sich selbst behandelte. Mit Hilfe einer Haaranalyse ließe sich mit modernen Mitteln Genaueres feststellen, doch waren sämtliche bekannte Haarproben (Schillerlocken) nicht mehr sequenzierbar bzw. haben sich nach DNA-Analyse als unecht erwiesen (sofern man annimmt, dass Schiller wirklich der Vater seiner Kinder gewesen ist, vgl. ➥ Kopfzerbrechen um Schiller-Schädel[70]. Und der Verbleib der sterblichen Überreste Schillers ist ungeklärt.

Um 1800 war Blei auch sonst ein beliebtes Metall, da es leicht formbar ist und korrosionsbeständig. Es wurde z.B. gerne für Wasserleitungen und beim Fensterbau verwendet. Noch heute gibt es in Altbauten Bleirohre [71]. Symptome einer chronischen Bleivergiftung sind „Kopf- und Gliederschmerzen, schwere Bauchkrämpfe sowie Abgeschlagenheit. […] Auch ein spastischer Ileus (Darmverschluss) ist möglich“ [72]. All diese Symptome plagten Schiller – und seine Frau – in den letzten Lebensjahren besonders [73].

Bei der letzten Restaurierung des Schillerhauses in Weimar 1885-1988 war im Arbeits- und Schlafzimmer Schillers ein kleines Tapetenstück hinter einer Bodenleiste gefunden worden, höchstwahrscheinlich ein Überrest der grünen Originaltapete. Der Farbstoff ist das sogenannte Scheel’sche (Kupfer(II)-arsenit) oder ab 1814 Schweinfurter Grün (Kupfer(II)-arsenitacetat), das ab 1786 nach dem Tod seines „Erfinders“ trendy wurde [74]. Die Tapete in Schillers Arbeitszimmer stand schon lange unter Giftverdacht [75], war aber nie wissenschaftlich analysiert worden. Der Chemiker Thomas Prohaska von der Wiener Universität für Bodenkultur (Abteilung Analytische Chemie) stellte 2008 fest: „Ausdünstungen der Tapete haben Schillers Gesundheitszustand ungünstig beeinflusst“ [76]. Nach Berechnungen des Chemikers seien für die Wandverkleidung 5 Kilogramm Arsen, 15 Kilogramm Blei und 10 Kilogramm Kupfer verarbeitet worden. Der Luftstrom einige Millimeter oberhalb des gefundenen Papierfetzen habe die 100-fache Schwermetallbelastung eines heutigen Industriegebietes mitgeführt – was die Behauptung widerlegt, dass die Tapete in trockenem Zustand keine Gefahr für die Bewohner des Zimmers dargestellt habe. Da Schiller in dem Zimmer nicht nur am Schreibtisch saß und arbeitete, sondern in den letzten Tagen auch schlief, war er nun dem Giftcocktail rund um die Uhr ausgesetzt.

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Gefundenes Tapetenstückchen aus Schillers Arbeitszimmer.

Schon für seine Wohnung in Jena hatte Schiller Goethe gebeten, ihm entsprechend der Farbenlehre grüne Tapeten und eine rosa Bordüre „aus Frankfurt“ zu besorgen [77]. Somit wäre Schiller seit 1796, also neun Jahre lang, Arsen und Blei in bedenklichem Maße ausgesetzt gewesen. Genaueres zur Tapetenquelle von Goethe in Frankfurt lässt sich nicht ergründen, daher bleiben Zweifel.

Die giftige Wirkung des Schweinfurter Grüns wurde nach einer längeren Skandalgeschichte 1844 nachgewiesen, das Kupferarsenitacetat 1879 schließlich als Farbe für Textilien und Tapeten per Gesetz verboten. Tatsächlich aber erlebte das Gift-Grün als Insektizid im 20. Jahrhundert seinen zweiten Frühling, die chemische Verbindung wird heute durchaus noch in Acryl- und Ölfarben verwendet [78].

Fazit: Mit der Tuberkulose allein hätte Schiller vielleicht noch Jahre leben können – Arsen und Blei aus Tapete, wahrscheinlich Blei aus dem Wein und von medizinischer Behandlung, dazu selbstverschuldet Opiate, Tabak, viel Alkohol und Kaffee aber haben sein Ableben beschleunigt.

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Literatur

(CK) C. Kronfeld: Landeskunde des Großherzogthums Sachsen-Weimar-Eisenach, Erster Theil: Thüringisch-Sachsen-Weimarische Geschichte. Weimar 1878.

(EE) Erich Ebstein: Schillers Krankheiten: Ein Beitrag zur Krankheitsforschung im 18. Jahrhundert. Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. 19, H. 2 (1. April 1927), pp. 197-203 (7 pages). Published by: Franz Steiner Verlag.

(GFM) Georg Friedrich Most: Encyklopädie der gesammten Volksmedicin, Leipzig 1843. Keine ISBN.

(GS) Gustav Seibt: Goethe und Napoleon, ISBN: 978 3 406 76732 6.

(HJD) Dr. J. H. Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, Heidelberg 1824. Keine ISBN.

(HJS) Hans-Jürgen Schings: Die Brüder des Marquis Posa. Schiller und der Geheimbund der Illuminaten, ISBN: 3-484-10728-6.

(HS) Hermann Schüttler: Die Mitglieder des Illuminatenordens, 1776-1787/93, ISBN: 3-893-91018-2.

(JMCS) Schillers Schädel. Physiognomie einer fixen Idee, hrsg. v. Jonas Maatsch und Christoph Schmälzle, ISBN: 978-3-8353-0575-5.

(KG) Klaus Günzel: Das Weimarer Fürstenhaus – eine Dynastie schreibt Kulturgeschichte, ISBN: 3-412-03100-3.

(ML) Dr. Mathilde Ludendorf: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller. Faksimile der 1936 im Ludendorffs Verlag erschienenen Ausgabe, ISBN: 3-932878-00-0.

(RJ) Ralf G. Jahn: Schillers größtes Geheimnis – Der Friedrich Schiller-Code, ISBN: 978-3-656-24486-8.

Fußnoten

[1] wikipedia.org: Erich Ludendorf, insb. Abschnitt „Kampf gegen die Weimarer Republik“. 

[2] wikipedia.org: Mathilde Ludendorff

[3] wikipedia.org: Bund für Deutsche Gotterkenntnis 

[4]  Wikipedia: Illuminatenorden 

[5] Daher ist es auszuschließen, dass Weishaupts Illuminaten irgendeinen Einfluss auf die Gründung der USA hätten haben können, wie Verschwörungstheoretiker mit Tunnelblick behaupten. Es war schlichtweg der Zeitgeist der Aufklärung, der zugleich Europa und Amerika erfasste und sowohl in die Gründung der Vereinigten Staaten wie die Französische Revolution mündete. Es gibt Parallelen zur aufklärerischen 68er Bewegung und ihren Extremen, die auch weltweit aufkam ohne „gesteuert“ zu sein, vielmehr als Zeitgeist-Phänomen und die vergleichbar vergeblich wie die Illuminaten auf einen Marsch durch die Institutionen setzte. 

[6] Zitiert nach (HJS), S. 87. 

[7] U.a. Prinz Karl von Hessen, Prinz Ferdinand von Braunschweig, Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha (Timoleon), Herzog Carl August von Sachsen-Weimar (Aeschylos), schließlich Prinz Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Angeblich waren Carl August von Sachsen-Weimar und Goethe (Abaris) dem Orden nur beigetreten, um diesen auszukundschaften (Wikipedia). Dafür wirkten sie gemeinsam mit Johann Gottfried Herder (Damasus Pontifex) aber recht aktiv im Orden mit, z.B. daran, Weishaupt und Knigge als Logenleitung abzusetzen – (HJS), S. 91f). Man könnte auf den Gedanken kommen, dass sie selbst an deren Stelle treten wollten. Herzog Carl August und Goethe verhinderten, dass Weishaupt nach seiner Flucht aus Bayern eine Professur in Jena bekam (Wikipedia). Zusammen mit Graf Ernst Heinrich von Schimmelmann bot Prinz Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg 1791 Friedrich Schiller eine jährliche Pension von 1.000 Talern an, die ihm drei Jahre lang gezahlt wurde, um ihm während seiner Krankheit Finanz- und Existenzsorgen zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt waren die Illuminaten aber schon vier Jahre lang aufgelöst, es handelte sich um „alte Verbundenheit“. 

[8] (HJS), S. 18f. Siehe auch Mitglieder des Illuminatenordens, ein Projekt der Universität Erfurt. Es wurde versucht, die Angaben des Buchs von Hermann Schüttler (HS) in eine online zugängliche Datenbank zu überführen. Das 1996 erschienene aber leider schwer zugängliche, erstklassige Buch von Hans-Jürgen Schings (HJS) enthält deutlich mehr Hintergründe. 

[9]  (HJS), S. 24ff. Abel war Schillers „Lieblingslehrer“, er betrieb die „neue Anthropologie“ – eine „empirische Menschenbeobachtung“ – und brachte Schiller zum Medizinstudium. Die neue Anthropologie könnte man als Vorläufer moderner empirischer Psychologie und Soziologie ansehen. 

[10] (HJS), S. 33. Kirchenrat Mieg war Provinzialoberer der Pfalz. 

[11] (HJS), S. 77. 

[12] (HJS), S. 95f. 

[13] Dalberg war Mitglied der Logen „Joseph zu den drei Helmen“, „Johannes zur brüderlichen Liebe“ und „Karl zum Reichsapfel“ – wikipedia.org: Wolfgang Heriberg von Dalberg

[14] Zitiert nach (HJS), S. 96f 

[15] (HJS), S. 97. 

[16] Die Weimarer Loge „Anna Amalia zu den 3 Rosen“ wurde zu Ehren der Herzogin Anna Amalia 1764 gegründet, anlässlich ihres 25. Geburtstag. „Es gehörte zum guten Ton Freimaurer zu sein und die jungen Herren ließen sich gern halbe Tage vor Beginn der Logen mit weißglacierten Handschuhen und wichtigen Gesichtern im Publico sehen“ – zitiert nach (RJ), S. 12. 

[17] (RJ), S. 14: Der Einstieg von Herzog Carl August hat in der Weimarer Freimaurerloge zu Streitigkeiten geführt und zu deren Ende sicher beigetragen. Der Gleichheitsgrundsatz ließ sich gegenüber dem Herzog nicht durchsetzen, zumindest wagte man es wohl nicht, ihn wie einen ganz normalen Logenbruder zu behandeln. Bei den Illuminaten war sein Logenname „Aeschylus“, Goethe war „Abaris“. 

[18] Nach den ersten Veröffentlichungen geheimer Illuminaten-Papiere nahm der Weimarer Kreis um Goethe, Herzog Carl August und Herder erheblichen Einfluss auf das Ende der Illuminaten. Sie sorgten dafür, dass sein Gründer Weishaupt neben Knigge 1785 den Orden verließ – siehe FN 7. 

[19] Zitiert nach freimaurer-wiki.de: Johann Christoph Friedrich von Schiller, letzter Absatz. 

[20] (HJS), S. 41. 

[21] (HJS), S. 77. 

[22] Im zehnten Brief zu Don Carlos schrieb Schiller 1787: „Bin weder Illuminat noch Maurer, aber wenn die einander gemein haben, und wenn dieser Zweck für die menschliche Gesellschaft der wichtigste ist, so muss er mit demjenigen, den Marquis Posa sich vorsetzte, mindestens sehr nahe verwandt sein. Was jene durch eine geheime Verbindung mehrerer durch die Welt zerstreuter tätiger Mitglieder zu erreichen suchen, will der letztere durch ein einziges Subjekt ausführen.“ Zitiert nach Freimaurer-Wiki. Der Urenkel von Schiller, Alexander von Gleichen-Rußwurm behauptete, Schiller sei durch Wilhelm Heinrich Karl von Gleichen-Rußwurm der Loge „Günther zum stehenden Löwen“ „zugeführt“ worden. Irgendeinen urkundlichen Beleg gibt es dafür aber nicht. Diese Loge löste sich 1829 auf. 

[23] Schiller-Zitat aus dem „Don Carlos“: „Und kann / die gute Sache schlimme Mittel adeln?“ – zitiert nach (HJS), S. 121. 

[24] wikipedia.org: Friedrich Schiller und (EE), S. 198. 

[25]  (EE), S. 199. Besonders drastisch in „Geschichte der Wasserleitung vom Gebürg bei Rohrbach nach Mannheim – Aus Urkunden und Acten bewiesen, 1798, S. 3: „Eine Bouteille Wasser über Nacht hingestellt, hinterlässt einen Schlamm, dessen Geruch faulartig ist, und das in solchem Wasser gekochte Fleisch bekommt eine blaulichte Farbe und salpeterartigen Schaum“. 

[26] wikipedia.org: Franz Anton Mai, Abschnitt „Verdienste um das Gemeinwohl in Mannheim und Heidelberg“, aerzteblatt.de: Der Heidelberger Arzt Franz Anton Mai (1742–1814): Ein Wegbereiter der Arbeitsmedizin

[27] wikipedia.org: Methämoglobinämie 

[28] (EE), S. 199. 

[29] gutenberg.spiegel.de: Demetrius

[30] muenzenwoche.de: Napoleon zähmt das Welfenross

[31] Der Herzog von Enghien war für Napoleon ein leichtes Opfer, um sich für die Verschwörung vom August 1803 durch die Generäle Georges Cadoudal, Jean-Charles Pichegru und Jean-Victor Moreau zu rächen, die ein Attentat auf ihn in Malmaison geplant hatten. Diese willkürliche Statuierung eines Exempels war eines Tyrannen würdig und mag manchen enttäuscht haben, der von Napoleon nach dem Chaos der Revolution die Rückkehr zu Frieden, Recht und Ordnung erhofft hatte. 

[32] wikipedia,org: Napoleon Bonaparte, Abschnitt „Napoleon I. – Kaiser der Franzosen“. 

[33] wikipedia.org: Demetrius (Schiller)

[34]  Walter Müller-Seidel: Schillers Schweigen über Napoleon. Goethe in einem Brief an Schiller, zitiert nach Müller-Seidel: „Im Ganzen ist es der ungeheure Anblick von Bächen und Strömen, die sich, nach Naturnothwendigkeit, von vielen Höhen und aus vielen Thälern, gegen einander stürzen und endlich das Uebersteigen eines großen Flusses und eine Ueberschwemmung veranlassen, in der zu Grunde geht wer sie vorgesehen hat, so gut als der sie nicht ahndete. Man sieht in dieser ungeheuern Empirie nichts als Natur und nichts von dem, was wir Philosophen so gern Freyheit nennen möchten.“ 

[35]  Walter Müller-Seidel: Schillers Schweigen über Napoleon. Der Autor nennt es eine „verschwiegene Gegnerschaft“. Der Name Bonaparte oder Napoleon kommt in keinem Brief Schillers je vor. Der Dichter vermied jede öffentliche Gegnerschaft tunlichst, aus Sicherheitsgründen. Tagespolitische Einmischungen hatte sich Schiller selbst verboten. Karoline von Wolzogen gegenüber äußerte sich Schiller nach ihrem Zeugnis aber einmal so: „Wenn ich mich nur für ihn interessieren könnte; alles ist ja sonst tot – aber ich vermag’s nicht; dieser Charakter ist mir durchaus zuwider – keine einzige heitere Äußerung, kein einziges Bonmot vernimmt man von ihm.“ Verleger Cotta bat Schiller zum Frieden von Lunéville 1801 um eine Jubel-Hymne auf Bonaparte, der Bitte verweigerte sich Schiller selbst zu diesem Zeitpunkt, als alle Welt in ihm noch den großen Ordner, Reformer und Friedenstifter sah. Hans-Günther Thalheim wird zitiert: „Schiller ist immer ein entschiedener Gegner Napoleons gewesen, anders als seine Gedichte … werden die großen Dramen aus dieser Zeit … zu wichtigen weltanschaulichen und ästhetischen Mitteln der Vorbereitung der Nation auf die künftigen Gefahren und die Befreiungskriege …“. 

[36] Ebda. 

[37] Bei Goethe ging es auch um sein herzogliches Jahresgehalt von 1900 Talern – (GS), S. 36. 

[38] (GS), S. 57. 

[39] bpb.de: Mein Schiller-Jahr 1955, von Manfred Jäger. 

[40] lmz-bw.de: Georg Ruppelt – Hitler gegen Tell – Vor 200 Jahren wurde Schillers Wilhelm Tell uraufgeführt, vor 63 Jahren ließ Hitler ihn verbieten. Das Drama geriet auch in die Kritik, weil Hitler die Schweiz verachtete und das Stück statt der nationalen Einigung („Heim ins Reich“) Separationsbestrebungen unterstütze. 

[41] aerzteblatt.de: Friedrich Schiller – Ein Arzt auf Abwegen

[42] Universität Jena: Jeden Monat ein anderes Leiden – Der kranke Schiller. 

[43] (EE), S. 199. 

[44] wikipedia.org: Tuberkulose

[45] netdoktor.de: Rippenfellentzündung: „Entwickelt sich die Rippenfellentzündung infolge von Tuberkulose, leiden viele Patienten zudem unter Husten, Abgeschlagenheit und Nachtschweiß“. 

[46] Zitiert nach (EE), S. 199. 

[47] (EE), S. 200. 

[48] wikipedia.org: Johann Christian Stark der Ältere

[49] Universität Jena: Jeden Monat ein anderes Leiden – Der kranke Schiller. Nach der schweren Erkrankung Schillers kam im Mai 1791 das Gerücht auf, dass er bereits verstorben sei. In Kopenhagen veranstalteten Schillers dänische Freunde eine Totenfeier. Nach einem Besuch des Weimarer Theaters erlitt Schiller einen Fieberanfall, starker Husten und ein langanhaltender Fieberkrampf folgten. 

[50] Zitiert nach (EE), S. 201. 

[51] Für diese Annahme spricht, dass Schiller selbst die Tuberkulose am meisten fürchtete – (EE), S. 200f. 

[52] friedrich-schiller-archiv.de: 986. An Goethe, 22. Februar 1805

[53] (RJ), S. 28. 

[54] Die gesamte Chronologie nach (RJ), S. 28ff. 

[55] (EE), S. 202. 

[56] Koffein regt die Nebennieren zur Adrenalin-Produktion an. Es erhöht den Noradrenalin-Spiegel und reduziert den beruhigend wirkenden Neurotransmitter Serotonin. Zuviel Kaffee schädigt Herz und Nieren – beide Organe offenbarten sich bei Schillers Obduktion als nahezu zerstört. Erschöpfung, Angstzustände, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Depressionen können Folge des Koffeinismus sein. „Besonders schlecht für die Nebennieren“ ist die Kombination aus Koffein und Nikotin – zentrum-der-gesundheit.de: Kaffee ist ungesund

[57] Wilhelm Schumann über seine Tätigkeit für Schiller, zitiert nach Originaldokument, aus gestellt im Schillerhaus in Weimar. 

[58] thalia-theater: Schiller & Tabak: „Mehrere seiner Bekannten waren Augenzeugen, daß er, während eines Beischlafs, wobey er brauste u. stampfte, nicht weniger als 25 Prisen Geistigen Taback in die Nase nahm.“ Schon als 15-jähriger schnupfte Schiller heimlich Tabak – Friedrich Schiller. Schillers Leidenschaft für das Kartenspiel und den Tabak störte Goethe – Ebda. Dass Rauchen ungesund ist, dürfte allgemein bekannt sein. Nikotin fördert entzündliche Prozesse – zentrum-der-gesundheit.de: Nikotin: Der Krankmacher

[59] minifal.de: Friedrich Schiller – Sein Leben und Wirken, S. 9. Schiller als Medienprofi. Die Folgen von Opiat- bzw. Heroin-Konsum können sein: Herzerkrankungen, Thrombosen und Geschwüre, chronische Verstopfung bis hin zum Darmverschluss – Probleme und Folgen bei Hero­in­ab­hän­gig­keit. Auch diese Symptome schilderte Schiller. Heroin sei hier beispielhaft für Opiate genannt; der Stoff Diacetylmorphin wurde am 21. August 1897 durch den Chemiker Felix Hoffmann für die Pharma-Firma Bayer entwickelt, also lange nach Schillers Tod. Opiate beeinträchtigen das Hormon- und Immunsystem – Nebenwirkungen von Opioiden – Mehr als bloß Verstopfung

[60] goethezeitportal.de: Informationen über Friedrich Schiller, lpb-bw.de: Friedrich Schiller: „Eine Reise 1804 nach Berlin wurde zum Triumph. Königin Luise von Preußen empfing Schiller mit seiner Familie und wo immer Schiller auftrat, war er ein umjubelter Mann. Nach seiner Rückkehr verdoppelte Carl August, der den Umzug Schillers nach Berlin fürchten musste, Schillers Gehalt“. 

[61] glossar.wein.plus: Friedrich Schiller 

[62] Eine Inventur des Weinkellers nach dem Tode Schillers ergab: 61 Bouteillen Malaga, 35 Bourgogner (Burgunder), 22 Champagner, 10 Weißer Portwein, 2 Leistenwein (vermutlich von der Würzburger Lage Innere Leiste), 17 Ruster (Burgenland, Österreich), 6 Oedenburger (Sopron, Ungarn), 34 Frankenweine, 4 halbe Falerner (?), 5 Rum und 4 Muskateller – glossar.wein.plus: Friedrich Schiller

[63] merkur.de: Goethe, Frauen, Alkohol und Tabak, Abschnitt „Rauchte Schiller etwa? Oder war er ein Alkoholiker?“ 

[64] krebsinformationsdienst.de: , zentrum-der-gesundheit.de: Alkohol: Die schädliche Wirkung. „Wer unter Tuberkulose leidet, sollte alles vermeiden, was den Krankheitsverlauf verschlechtern kann. Dazu gehört der Konsum von Alkohol und Tabakwaren“ – netdoktor.de: Tuberkulose, Abschnitt „Begleitende Maßnahmen“.  

[65] ncbi.nlm.hih.gov: Lead and wine. Eberhard Gockel and the colica pictonum

[66] wikipedia.org: Blei(II)-acetat. Heute ist die colica pictonum wenig bekannt, aber in Entwicklungsländern durchaus präsent: in einem Vorort Dakars (Senegal) starben 2008 daran zwanzig Kinder – gesundes-reisen.eu: Fachinformationen. Eine von vielen großen Bleizuckerfabriken gab es z.B. im Schloßpark Sacrow bei Potsdam: Bittersüßes Salz

[66.1] Schiller bezog den Wein von den Gebrüdern Ramann in Erfurt, wie auch Goethe, Wieland oder Hegel. Er ließ sich bei der Auswahl von Goethe beraten. Da bei diesen anderen Weinkunden nichts über eine Bleizucker-Vergiftung bekannt ist, könnte Schiller auch woanders „billigeren“ Wein bezogen haben, er war ja stets finanziell klamm – Ein neuer Brief Hegels an die Gebrüder Ramann in Erfurt. Die folgenden Beiträge zu Lina Ramann enthalten auch Informationen zur Geschichte der Weinhandlung Ramann – Lina Ramann, Karoline Ramann – Ein Leben für die Musik

[67] „Bei einer Nervenerkrankung aufgrund Bleivergiftung (Polyneuropathie) kommt es regelmäßig zu einer Lähmung der Streckmuskeln in den Armen, zu Schwerhörigkeit und zu Ohrensausen“ – Bleivergiftung. In Beethovens Haar wurden sehr hohe Bleikonzentrationen gefunden – wikipedia.org: Ludwig van Beethoven, Abschnitt „Krankheiten und Tod“. Symptome wie Durchfall, Leibschmerzen, Koliken, Fieberzustände oder Entzündungen werden auf billigen, mit Bleizucker versetzten Wein und eine Behandlung mit „Bleipflastern“ zurückgeführt. In Ermangelung von Antibiotika verwendete man „Bleiseife“ zur Desinfektion. pharmazeutische-zeitung.de: Tödliches Zusammenspiel – im Haar von Beethoven wurde Blei in 40-fach erhöhter Konzentration gefunden. deutschlandfunk.de: Die Leiden des Ludwig van Beethoven. Eine DNA-Analyse von 2023 ergab zusätzlich eine erblich bedingte Neigung zur Leberzirrhose, ferner litt Beethoven mehrfach an Hepatitis B. 

[68] sueddeutsche.de: Tödliche Pflaster – Beethoven von seinem Arzt vergiftet? Die „Bleipflaster“ waren ein zusätzliches Mosaiksteinchen hin zu Beethovens frühem Tod. Von einer bewussten Vergiftung kann aber keine Rede sein, die Bleibehandlungen waren – in Ermangelung besserer Medikamente – üblich, Bleisalben gab es noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Beethovens Todesursache war schließlich eine fortgeschrittene Leberzirrhose.
Zu medizinischen Bleirezepturen vgl. auch (HJD), S. 249ff. 

[69] (GFM), Stichwort Bleizucker: „Bleizucker (Saccharum Saturni s. Plumbum acetici) ist zwar in der Lungenschwindsucht und gegen Bluthusten ein sehr wirksames Mittel, doch ist es zu tadeln, wenn Nichtärzte ohne ärztlichen Rat es als Hausmittel, wie dies schon vorgekommen, innerlich verordnen“. Weiterer Beleg für innerlich anzuwendende Bleirezepturen im 17.-19. Jahrhundert: zobodat.at – Schlossapotheken im südlichen Burgenland und in Westungarn zur Zeit der Türkenkriege, S. 107. 

[70] docplayer.org: Genealogische und historische Untersuchungen: Dr. Ralf G. Jahn, Historiker und wissenschaftlicher Genealoge, Geldern, Punkt 5. 

[71] n-tv.de: Einmal bleifrei, bitte! Giftige Wasserrohre im Haus austauschen 

[72] medlexi.de: Bleivergiftung, Abschnitt „Symptome, Beschwerden & Anzeichen“. 

[73] Schiller in einem Brief an Louise Franckh am 11.10.1802: „Auch meine Lotte ist oft von Krämpfen geplagt, und mir geht es nicht besser, aber man wird nach und nach auch des Krankseins gewohnt“ – grin.com: Schillers größtes Geheimnis – Der Friedrich Schiller-Code

[74] deutschlandfunknova.de: Scheeles Grün – Eine giftige Farbe erobert die Welt, Abschnitt „Schweinfurter Grün wird zur Trendfarbe“. 

[75] (JMCS), S. 196. Vgl. auch den unter Schweinfurter Grün – einst eine Errungenschaft – heute ein Fluch abgebildeten historischen Artikel von 1936. 

[76] docplayer.org: Genealogische und historische Untersuchungen: Dr. Ralf G. Jahn, Historiker und wissenschaftlicher Genealoge, Geldern, S. 6. 

[77] Goethe besorgte Schiller schon 1796 grüne Tapeten – schiller-biografie.de: Besuch und grüne Tapeten. Originalquellen: Am 22. Januar 1796 bat Schiller Goethe in einem Brief (No. 142), um die Beschaffung der Tapeten für seine Wohnung in Jena. Goethe antwortete darauf positiv am 23. Januar 1796 (No. 143). Am 24. Januar konkretisiert Schiller nochmals (No. 144). Am 10. Februar geht Goethe noch einmal auf das ordnungsgemäße Kleben der Bordüre ein (No. 152). Am 12. Februar 1796 bedankt sich Schiller für die Mühe um die Beschaffung der Tapete (No. 155). Mein Dank für Hinweise zu diesem Schriftwechsel gilt Frau Gisela Seidel.
Goethe hatte zur Farbenindustrie gute Beziehungen. Beim Goethe-Freund und Eisenacher Bürgermeister Streiber hatte 1776/77 Johann Georg Gademann gearbeitet, der 1780 gemeinsam mit Johann Martin Schmidt in Schweinfurt zwei Bleiweiß- und Farbenfabriken gründete – schweinfurtfuehrer.de: Schweinfurter Grün – einst eine Errungenschaft – heute ein Fluch, dort abgebildeter historischer Artikel von 1936. 

[78] wikipedia.org: Schweinfurter Grün, Abschnitt „Verwendung als Pflanzenschutzmittel“; dguv.de: Arsenhaltige Farben am Kulturerbe: Schweinfurter Grün in historischer Wandgestaltung, verbraucherzentrale.nrw: Künstlerfarben und Pigmente: Gibt es besonders schadstoffarme Produkte?  

Beitragsbild: Schillers Arbeitszimmer im Schillerhaus Weimar, Mirke, 17.03.2023.

993.1  Der ungesühnte Frevel, Screenshot von S. 3. Verwendung nach §50/51 UrhG, Mirke, 26.03.2023.  

993.2   Friedrich Rossmassler, Public Domain, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.3   Users Webmaster@sgovd.org, AxelHH on de.wikipedia, Public Domain, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.4   Von CTHOE – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.5   Eberhard Siegfried Henne, Public Domain, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.6   Unidentified painter, Public Domain, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.7   Georg Melchior Kraus, Public Domain, via Wikimedia Commons, 09.03.2023.  

993.8   Beethoven, Ludwig van (1770 – 1827), Public Domain, via Wikimedia Commons, 10.03.2023.  

993.9   Ji-Elle, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, 10.03.2023.  

993.10   Dick Culbert, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons. Bearb. v. Mirke (Ausschnitt), 10.03.2023.  

993.11   Verwendung mit freundl. Genehmigung der Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG, www.kuenker.de, Osnabrück. Bild ist Eigentum der Lübke & Wiedemann KG, Leonberg. Entnommen der Webseite muenzenwoche.de, 26.03.2023. Grund der Veröffentlichung: Illustration der napoleonischen Besetzung Hannovers 1803, welche Einfluss auf das Verhältnis Schillers und Goethes zu Napoleon hatte. Zur historischen Bedeutung der Münze vgl. muenzenwoche.de: Napoleon zähmt das Welfenross  

993.12   Jacques-Louis David, Public Domain, via Wikimedia Commons, 10.03.2023.  

993.13   Henri Chartier, Public Domain, via Wikimedia Commons, 10.03.2023.  

993.14   See page for author (Unknown), Public Domain, via Wikimedia Commons, 11.03.23.  

993.15   Christian Gotthilf Immanuel Oehme, Public Domain, via Wikimedia Commons, 26.03.2023.  

993.16   Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv-Nummer KGe/00126, Foto: Alexander Burzik. Mit freundlicher Genehmigung v. 13.04.23.  

993.17   NickyPe @pixabay, 25.03.2023.  

993.18   Humusak @pixabay, 25.03.2023.  

993.19   matthiasboeckel @pixabay, 25.03.2023.  

993.20   Bru-nO @pixabay, bearb. v. Mirke (Ausschnitt), 25.03.2023.  

993.21   Dormroomchemist at English Wikipedia, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, 25.03.2023.  

993.22   © Apothekenmuseum Brixen/Oswald Peer, Invnr.: 06010/V. 4, Sammlung: Ursprüngliches Erbe der Brixner Stadtapotheke, Datum: 1800 – 1899. Mit freundlicher Genehmigung, 21.04.2023.  

993.23   Chris Goulet at English Wikipedia / Catharine Breyer Van Bomel Foundation Fund, 1980 / Wikimedia Commons, via esquiremag, 25.03.2023.  

993.24   Klassik Stiftung Weimar, Museen, Objektname 100-2011-1231, Foto: Alexander Burzik. Mit freundlicher Genehmigung v. 13.04.23.