Weitere deutsche Raketenentwicklungen 1943-1945


Sowohl in Peenemünde-Ost als auch in „Klein Peenemünde“ (Rake­ten­er­pro­bungs­stelle Rumbke) wurden in den letzten Kriegsjahren neben V1, V2 und Wasserfall weitere Raketen entwickelt und getestet. Hinzu kamen Ent­wick­lungen der Firma Rheinmetall, der Oberbayerischen Forschungsanstalt (Messerschmitt-Werke) sowie an der Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA).

Legende


Orkan R4M

Orkan R4M

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Orkan R4M im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Erfolgreiche Luft-Luft-Rakete (Feststoff) mit einer Länge von 81,2 cm und einem Durchmesser von nur 5,5 cm, Gewicht 4 kg. Etwa 1.000 – 2.000 wurden bis Kriegsende von Jagdflugzeugen verschossen und dabei 400 – 500 Abschüsse erzielt [17]. Vorbereitungen zur Massenproduktion in den Stollen des Mittelwerks waren im März 1945 noch getroffen worden, die Produktion wurde jedoch nicht mehr begonnen.


Rheinbote RhZ 61/9

Rheinbote

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Rheinbote auf der Startrampe.

Die Boden-Boden-Rakete (Feststoff) war eine dünne, ca. 11,4 Meter lange vierstufige Feststoffrakete aus Stahl, die von der Firma Rheinmetall-Borsig aus der „Rheintochter“ 1943/44 weiterentwickelt wurde. Die Rakete konnte eine Sprengladung von nur 25 kg über eine Strecke von 220 km transportieren und wurde ab November 1944 wahrscheinlich 70 bis 200-mal auf Antwerpen verschossen; der Effekt blieb nahezu unbemerkt. Sie wog 1.750 kg , erreichte eine Geschwindigkeit von 1.640 m/s (Mach 4,8), hatte aber eine Zielabweichung von bis zu 6 Kilometern [16].


Schmetterling HS 117

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Schmetterling HS 117.

HS 117 Schmetterling

Funkgesteuerte Flugabwehrrakete der Henschel-Werke, Entwicklung ab 1941, 1944 in Peenemünde erfolgreich getestet. Länge: 3,75 m, Gewicht: 450 kg [1]. Gebaut wurden etwa 140 Stück zu Versuchs­zwecken, die geplante Massen­produktion wurde nicht mehr erreicht [2]. Nur 15 bis 20 voll­ständige Raketen konnten ver­schossen werden. Die Ent­wicklung sollte im Herbst 1945 abgeschlossen werden [3].


Taifun

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Taifun

Taifun

Die relativ kleine, 1,89 Meter lange, 10 cm dicke Flugabwehrrakete mit einem Startgewicht von 19 kg (rechts) [9] wurde in Peenemünde Anfang 1944 entwickelt [10]. Nach Ab­lauf einer be­stimm­ten Zeit soll­te der Gefechts­kopf die mit­ge­führ­ten 0,5 kg Spreng­stoff zünden, was eine hohe Zielungenauigkeit mit sich brachte. Die Rakete sollte in 4 Sekunden eine vierfache Schall­ge­schwindigkeit er­reichen [11]. Im No­vember 1944 begann der Aufbau einer Takt­straße zur Massen­produktion der Taifun im Mittel­werk in Stollen 40. Bis Kriegs­ende wurden „nur einige hundert“ Raketen zu Test­zwecken gebaut [12], die Taifun kam bis dahin aber nicht mehr zum Ein­satz [13].


Enzian E4/E5

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Enzian E4/E5 im Deutschen Technikmuseum Berlin

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Enzian (E4/E5). Unten: Insgesamt sind nur drei Geräte erhalten, dieses wurde 2021-2023 im Deutschen Technikmuseum Berlin restauriert.

Enzian E4/E5

Flugabwehrrakete aus Sperrholz auf Grundlage des Raketenjägers Me 163 [4]. Sie wurde in Oberammergau von der Oberbayerischen Forschungsanstalt, einer Zweigstelle der Messerschmitt-Werke, entwickelt und unter anderem in der Erprobungsstelle der Luftwaffe Peenemünde-West getestet. Gebaut wurden etwa 100 Prototypen. Sie war für den Einsatz vom Boden und aus der Luft vorgesehen [5].

Die Entwicklung wurde auf Befehl Kammlers am 6. Februar 1945 zugunsten anderer Projekte eingestellt [6], die Rakete kam bis Kriegsende nicht mehr zum Einsatz [7]. Ein für die Zeit komplexes Zielführungssystem sollte die Rakete steuern [8]. Drei dieser Flugkörper sind erhalten geblieben, u.a. im Deutschen Technikmuseum in Berlin.


Feuerlilie

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Feuerlilie F25.

Feuerlilie F25

Ferngelenkte Flugabwehrrakete, die ab 1940 in der Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA) entwickelt wurde. Die Entwicklung der Fernsteuerungsanlage war bis zum Februar 1943 bereits weit fortgeschritten und auch die Hochgeschwindigkeitversuche im Windkanal sowie die Fertigstellung eines Schießgestells für die F 25 waren nahezu abgeschlossen. Hergestellt wurden 24 Musterexemplare in einer Vorserie. Die Entwicklung wurde Ende 1944 eingestellt.


Rheintochter

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Rheintochter im Technikmuseum Berlin

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Rheintochter: Rakete mit Flügeln aus Holz (im Deutschen Technikmuseum Berlin).

Rheintochter

Funkgesteuerte, zweistufige, knapp drei Meter lange Flugabwehrrakete, die ab 1942 vom Rüstungskonzern Rheinmetall-Borsig entwickelt wurde (unten rechts). Sie trug einen Gefechtskopf von 25 bis 150 kg und einen Zünder, der entweder auf Annäherung reagierte oder am Boden ausgelöst werden konnte. Bis November 1944 soll es zu 51 Starts gekommen sein und vor Kriegsende noch zu einer provisorischen Truppenerprobung [14].

Die Rheintochter war die erste zweistufige Feststoffrakete der Welt. Der Startteil brannte 0,6 Sekunden lang und beschleunigte die Rakete auf 864 km/h. Nach der Abtrennung der ersten Stufe brannte der Treibsatz der 2. Stufe 10 Sekunden lang [14.1]

Die Entwicklung wurde auf Befehl Kammlers am 6. Februar 1944 zugunsten anderer Projekte eingestellt [15].


Ruhrstahl X-4

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Ruhrstahl X-4 mit Holzflügeln (im Deutschen Technikmuseum Berlin).

Ruhrstahl X-4
Die etwa 2 Meter lange Flugabwehrrakete (Luft-Luft), entwickelt von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) und gefertigt bei der Firma Ruhrstahl in Brackswede.

Der Pilot steuerte das Gerät mit dem Steuerknüppel „Knirps“. Die Steuersignale wurden über einen Draht (5.500 m, 0,2 mm stark) geleitet. Dieser wurde von Spulen abgewickelt, die sich in stromlinienförmigen Gondeln an den Spitzen der beiden Hauptflossen der Rakete befanden.

Hatte der Pilot die X-4 soweit gesteuert, dass sich Leuchtpunkt und Ziel sich deckten, sollte das akustische Zielsuchgerät „Dogge“ die Flugbahn im letzten Teil der Flugbahn korrigieren und die Abwehrbewegungen des Gegners ausgleichen, der akustische Zielanzeigezünder „Meise“ zündete dann, vom Motorengeräusch des Zieles angeregt, auf 7 Meter Entfernung die 20 kg schwere Sprengladung.

Zur Produktion war die Stollenanlage B3 („Himmelberg“) vorgesehen. Da die Lieferung der Steuergeräte nicht mehr garantiert werden konnte, wurde die Fertigstellung am 6. Februar 1945 aufgegeben. Obwohl 224 Prototypen gebaut wurden, kam die Rakete nicht zum Einsatz [18].

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Literatur

Die auf dieser Seite zitierte Literatur mit Legende finden Sie vollständig unter dem Beitrag ➥ Raketen aus Peenemünde I: Die Anfänge.

Fußnoten

[1] (MB), S. 154. 

[2] (MB), S. 141, wikipedia.org: Henschel Hs 117 und (MN), S. 305. 

[3] (MB), S. 154. 

[4] (MN), S. 305 u. 309. 

[5] Ausstellungstafel im Deutschen Technikmuseum Berlin, Neubau 4. Etage, 07.11.2023. Man kann an dem ausgestellten Exemplar deutlich erkennen, dass zum Bau vielfach Holz verwendet wurde. 

[6] (MB), S. 131. 

[7] warbirdsresourcegroup.org: Enzian E4

[8] wikipedia.org: Enzian (Rakete): In der ersten Flugphase wurde der Flugkörper über Funk geleitet. Die Labormuster E1–E3 wurden mit der „Straßburg-Kehl“-Funkfernsteuerung (entwickelt von Telefunken und der Staßfurter Rundfunk GmbH) im 6-m-Band gesteuert; die Seriengeräte ab E4 verwendeten das „Kogge“-Fernlenkgerät im 24-cm-Band. Den Endanflug übernahm entweder das Infrarot-Lenksystem „Madrid“ des Herstellers Kepka aus Wien oder ein akustischer Sucher von Telefunken und Messerschmitt. Ein Infrarot-Detektor war in einem kleinen beweglichen Teleskop montiert und benutzte zur Lenkung eine Metallfahne vor dem Spiegel, um feststellen zu können, auf welcher Seite des Zentrums sich das Ziel befand. Wenn die Rakete sich kontinuierlich in die jeweils entgegengesetzte Richtung des Teleskops bewegte, lenkte sie sich auf einem so genannten Schleppkurs in das Ziel. 

[9] (MB), S. 126f. Wikipedia.org: Taifun (Flugabwehrrakete): 19,7 kg, Länge: 1,93 m. 

[10] Und zwar von der privatisierten Nachfolgeeinrichtung der Heeresversuchsanstalt, den „Elektromechanischen Werken (EW) Karlshagen“, siehe wikipedia.org: Taifun (Flugabwehrrakete)

[11] (JM), S. 58. wikipedia.org: Taifun (Flugabwehrrakete). Hier wird die Spitzengeschwindigkeit mit 2730 km/h angegeben, also gut doppelter Schallgeschwindigkeit. 

[12] (MB), S. 127. 

[13] (MN), S. 305f u. (JM), S. 58. 

[14] wikipedia.org: Rheintochter (Rakete), (MN), S. 309. 

[14.1] Ausstellungstafel im Deutschen Technikmuseum, Neubau, 4. Etage. 

[15] (MB), S. 131. 

[16] wikipedia.org: Rheinbote (Rakete)

[17] (MB), S. 127. 

[18] Bordrakete X-4 „Ruhrstahl“ (Luft-Luft) 

Beitragsbild: Start einer Wasserfall-Rakete von Prüfstand IX in Peenemünde Herbst 1944. Bundesarchiv, Bild 141-1898 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons, 25.05.2023.

Verwendung des PICR-Logos mit freundlicher Genehmigung durch PICR, 19.05.2024.

p12608.0   Foto: Mirke, mit freundl. Genehmigung des © Deutschen Technikmuseums Berlin, Neubau, 4. Etage, 07.11.2023.  

p12608.1   Rheinbote (Rh Z 61/9) SRBM, Public Domain, 24.05.2024.  

p12608.2   avioblog.it, Public Domain, 23.12.2022.  

p12608.3   Taifun – German Anti-Aircraft Rocket, Teststart in Peenemünde. Public Domain, 24.05.2024.  

p12608.4   US Army, Public Domain, via Wikimedia Commons, 23.12.2022.  

p12608.5   Foto: Mirke, mit freundl. Genehmigung des © Deutschen Technikmuseums Berlin, Neubau, 4. Etage, 07.11.2023.  

p12608.6   Luftfahrtforschungsanstalt (LFA) – Feuerlilie AA Missile, Public Domain, 24.05.2024.  

p12608.7   Techno: Rheintochter R-1, Public Domain, 24.05.2024.  

p12608.8   Foto: Mirke, mit freundl. Genehmigung des © Deutschen Technikmuseums Berlin, Neubau, 4. Etage, 07.11.2023.  

p12608.9   Foto: Mirke, mit freundl. Genehmigung des © Deutschen Technikmuseums Berlin, Neubau, 4. Etage, 07.11.2023.