Der Brooklyn-Schock

Am Flughafen JFK (John F. Kennedy) suchen wir uns ein Taxi. Die Zieladresse wird zwischen drei Fahrern leicht verwundert diskutiert, dann übernimmt einer. Wir fahren über graue, holprige Strassen und biegen in ein Viertel ab. Müll auf der Fahrbahn, verwahrloste Grundstücke, rostige Brücken, Autofriedhöfe. Schmuddelige Bettler schieben mit Hausrat beladene Einkaufswagen vor sich her. Kranke oder von Drogen ausgemergelte farbige Menschen, teilweise in Lumpen gehüllt. Mit Brettern verrammelte Erdgeschosse, graffitibunte Häuserwände, tausende Reste von Plakaten und Zetteln, von Abertausenden Kaugummis schwarz gefleckte, löcherige Bürgersteige und seit Jahrzehnten nicht reparierte Strassen. Herrenlose Abfallberge, lautes Krankenwagen- und Feuerwehrtatü. Kaputte Dächer, ungepflegte Vorgärten mit Abfallmöbeln, unkraut-überwucherte Hinterhöfe mit billigen, ausgeblichenen Plastikstühlen. Zwischendrin Baustellen, Abrisshäuser. Ich denke an eine Szene aus dem düsteren Film „Blade Runner“ (1982). Von „America First“ ist man hier so weit entfernt wie in den ärmsten Ländern der Dritten Welt von einem allgemeinen Wohlstand.

© Bildrechte: 12019 @pixabay 15.07.2021 (links), MichaelGaida @pixabay 15.07.2021 (rechts)

Wann hört das Elendsviertel auf? Es hört nicht auf. Es wird nur graduell besser, je weiter wir uns Manhattan nähern. Bei unserer Ankunft frage ich den Fahrer, ob die Gegend denn sicher sei. Er nickt und sagt, diese Gegend sei relativ sicher. Da bin ich aber beruhigt. Zur Eingangstür geht es die üblichen zwei Treppen hoch. Ein Nummern-Vorhängeschloss, zugleich eine Art Tresor, enthält in einer Kammer zwei Schlüssel zum Öffnen der doppelflügeligen Haustür. Eine Seite ist provisorisch mit einem Brett zugekeilt. Das Apartment ist mit einem weiteren Nummernschloss versehen. Unter der Tür ist ein zwei Zentimeter hoher Spalt, die Farbe ist abgeblättert, wo sie nicht schmutzig ist. Die Fenster sind dreckig, die Emaille an Waschbecken und Badewanne grossflächig abgesprungen. Wo das Heizungsrohr in die Wand führt, ist alles verschimmelt. Die Wohnung unter uns hat eine Terasse mit Blick ins wilde Unkraut, Sofa und Kissen bleiben immer draussen liegen – ob Regen oder Sonnenschein – und sind schon ziemlich verblichen und wahrscheinlich verschimmelt und duften vermutlich nach Moder.

© Bildrechte: Ekrim 2014

Schmuddelig und verwahrlost: Hinterhöfe in Brooklyn. Das gute Wetter tröstet nur etwas …

Das Fenster zur Strasse lässt sich nicht schliessen, weil hier ja das Rohr der Klimaanlage nach draussen führt, bei deren Getöse man aber nachts kein Auge zumachen könnte. Am Freitag abend hocken alle auf den Stufen vor ihren Häusern, palavern und streiten sich bis spät in die Nacht, untermalt von permanentem Sirenengeheul in Nah und Fern. Die Karten-App des iPad empfiehlt ganz in der Nähe zwei Restaurants, wir machen uns nochmal zu Fuss auf. Marihuana-Wolken kann ich identifizieren, wie Crack riecht, weiss ich nicht, man sieht in den ausgemergelten Gesichtern aber die Folgen. Da wo die Restaurants gewesen sein sollen, ist alles verkohlt und mit alten Brettern zugenagelt. Selbst wenn nicht, hätte ich dort nichts gegessen, die Strassenküchen an der Chang’an in Beijing machten vor 25 Jahren einen vertrauenswerteren, hygienischeren Eindruck.

Am Abfahrtstag regnet es, wir ziehen bei strömendem Regen los zur Station „Kingston Throop“. Schon beim Frühstück sind die Sirenen besonders laut; nun sehen wir, dass es gegenüber brennt. Drei abgeranzte Rasta-Gestalten stehen vor der Tür eines – wie ich glaubte – unbewohnten, leerstehenden Hauses ohne Fenster und schauen den Feuerwehrmännern in kurzen Hosen bei deren Löscharbeit zu.

© Bildrechte: ArtisticOperations @pixabay 15.07.2021

© Bildrechte: Ekrim 2014

Kingston Throop: Auf dem Bahnsteig läuft eine Kakerlake zwischen den roten Highheels einer jungen Frau herum, die Kakerlake ist halb so gross wie meine Faust. Die Frau ist vielleicht 20, die rechte Gesichtshälfte ist eine einzige Brandnarbe. Sie bemerkt die Kakerlake nicht und selbst wenn … Als wir endlich mit der klapprigen alten Underground laut losrattern, freue ich mich, dass ich noch atmen kann. Und dass ich hier nicht leben muss.

© Rechte am Beitragsbild: kirahoffmann @pixabay, bearb. v. Ekrim 15.07.2021

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