SA zündete den Reichstag an

Das “Go” für die seit Stunden wartenden Männer ist da. Am 27. Februar 1933 dringen zehn SA-Leute unter Führung des Chefs der Berliner SA-Stabswache Hans-Georg Gewehr (“Pistolen-Heini”) und auf Befehl des Berliner SA-Führers Karl Ernst durch einen unterirdischen Heizungstunnel vom Reichstagspräsidentenpalais in das Reichstagsgebäude ein. Schon Tage zuvor waren Nachtwächtern im Reichstag des öfteren Schepper-Geräusche im Gang aufgefallen, der mit Metallplatten ausgelegt war. Gewehr war Ingenieur und Spezialist für selbstentzündliche Brandmittel wie in Schwefelkohlenstoff gelöster weißer Phosphor, deren Reste später von der Feuerwehr auch im Reichtag nachgewiesen wurden. Auf seinen Befehl hin hatte man die Chemikalien bereits einige Tage vor dem 27. Februar vom Amtssitz Görings durch den Tunnel in den Reichstag geschafft und dort deponiert. Hierbei mit von der Partie: Der SA-Mann Adolf Rall, der später, im September 1933, von der SA ermordet wurde, weil er aus Enttäuschung über ausbleibende Belohnungen auspacken wollte. Am Tag des Brandes schnappen sich die SA-Leute nun die im Reichstag schon sorgfältig deponierte flüssige Chemikalie und verteilen sie fast zeitgleich im Reichstagsgebäude.

Die Aktion war zeitlich gut abgestimmt mit dem Einbruch des anarchistisch-kommunistischen Niederländers Marinus von der Lubbe, der tagelang von seiner geplanten Aktion in diversen Kneipen Berlins geprahlt hatte. Schon am 25. Februar 1933 soll der 24-jährige Maurer versucht haben, das Wohlfahrtsamt in Berlin-Neukölln und das Berliner Rathaus, schließlich sogar das Berliner Schloss in Brand zu stecken – allesamt Pleiten. Er glaubte nun, mit ein paar Kohlenanzündern und seinem Wintermantel als Brandstoff ein so großes Gebäude wie den Reichstag zerstören zu können. Nicht ahnend, dass die Phosphorflüssigkeit schon überall vor sich hinschmort, fummelt der zu drei Vierteln blinde Mann nun mit seinen Anzündern herum und freut sich über den Erfolg seiner primitiven Mittel.

Der Reichtstag brennt

Phosphor-Schwefelkohlenstoff ist farblos und stinkt nach faulen Eiern. Schwefelkohlenstoff entzündet sich leicht und brennt mit bläulicher Flamme. Er verdunstet schnell und hinterlässt fein verteilt den weißen Phosphor, der sich ebenfalls schnell von selbst entzündet.  Plötzlich raucht es und schon züngeln an verschiedenen Stellen Flammen hoch. Kurz nach 21 Uhr wird im Berliner Reichstag Feueralarm gegeben. Minuten später brennt das Gebäude lichterloh und verwandelt sich binnen einer Nacht in eine Ruine. Erst um 0:25 Uhr kann die Berliner Feuerwehr melden: Brand gelöscht.

Bereits am 28. Februar 1933 wird die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (Reichstagsbrandverordnung) erlassen. Damit werden die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die Verfolgung der politischen Gegner durch Polizei und SA.

Ungeduldig hatten Kräfte der NSDAP seit Wochen und Monaten nach einem Anlass für einen “Schlag” gegen die Opposition Ausschau gehalten. Entsprechende Verhaftungslisten wurden seit Anfang Februar vorbereitet. Das Gerede von der Lubbe’s in den Neuköllner Kneipen passte gut. Drei oder vier Tage vor dem Brande wurden 10 SA-Männer der Abteilung “z.b.V.” (zur besonderen Verwendung) zum SA-Oberführer Ernst befohlen. Der eröffnete ihnen: “Wir drehen jetzt ein großes Ding”. Man werde jetzt die Quasselbude, den Reichstag, anstecken, dies den Kommunisten in die Schuhe schieben und danach die langersehnte Großaktion auslösen. Wegen der Polizei habe der “Doktor” – das war Göbbels – bereits das Notwendige mit Göring besprochen.

Die zehn Mann wurden kaserniert. An Hand eines Grundrisses des Reichstagsgebäudes wurden in den nächsten Tagen alle Einzelheiten der Aktion durchgesprochen. Mit selbstentzündlichen Chemikalien hatte die SA bereits Erfahrungen. Hans-Georg Gewehr selbst hatte die Organisation im Umgang mit Phosphat-Schwefelkohlenstoff geschult. Praktische Erfahrungen hatte man 1932 im Wahlkampf gesammelt, bei sogenannten “Flächenbränden”: Immer wieder brannten Litfaßsäulen, an denen kommunistische Plakate klebten. Die Chemikalie lieferte ein Drogist aus Nord-Berlin.

Am wichtigsten war laut Planung die Brandstiftung im Plenarsaal. Die Verteilung der Flüssigkeit dauerte nur zehn Minuten. Dann ging es durch den Tunnel zurück, die Sondereinheit wurde unbemerkt abtransportiert. Unter Todesandrohung gab es die Weisung: “Schnauze halten!” Das hinderte aber Karl Ernst nicht, am Abend mit einer “weltgeschichtlichen Tat” zu  prahlen.

Der ehemalige Fliegergeneral Freiherr Egloff von Freyberg-Eisenberg dichtete eine Zusammenfassung:

(…) “Den Brand hat Göring ausgedacht,
und Hauptmann Lörzer dann gemacht:
Mit einem Stroßtrupp der SA
Wie Hitler wollte, es geschah.” (…)

Der Freicorps-Kämpfer und Göring-Freund Bruno Lörzer soll seinem alten Fliegerkameraden nämlich am Abend des 28. Februar 1933 erzählt haben: “Ich verstehe nicht was die Leute alle für einen Unsinn über den Reichstagsbrand verbreiten. Ich [Lörzer] habe von meinem Freunde Göring mit einer Gruppe von SA-Männern den Auftrag bekommen, den Reichstag anzuzünden.”


Nachwort

So könnte es sich abgespielt haben. Alle Tatsachenbehauptungen lassen sich anhand öffentlicher Quellen nachweisen, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Ich habe diese bewertet und in mir sinnvoll erscheinender Weise zusammengestellt. Nur an zwei Stellen fehlen Belege: Dass die Chemikalie schon Tage zuvor im Reichstag deponiert wurde, nehme ich nur an. Und dass die SA aus Kneipengesprächen von den Plänen Marinus von der Lubbe’s erfuhr, den Reichstag anzuzünden, erscheint mir plausibel, aber ist nicht mehr beweisbar und unbelegt. Es gibt allerdings eine Aussage, wonach die SA sogar in direktem Kontakt mit Lubbe gestanden habe, meine Darstellung ist an dieser Stelle also ein zurückhaltender Kompromiss. Nur an einer Stelle fehlt noch ein Mosaik-Steinchen: Belege für einen Kontakt zwischen Lörzer und Karl Ernst konnte ich nicht finden. Hier muss es aber eine Absprache gegeben haben.

Den unsäglichen Historikerstreit, den DER SPIEGEL 1959/60 entfachte, hat der Spiegelgründer Augstein zu verantworten. Die Darstellungen Tobias’ erscheinen mir in allen wichtigen Teilen unzureichend, suggestiv, ja ignorant. Hier wollte sich Augstein wohl nur wichtig machen.


Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 146-1977-148-19A / unknown / CC-BY-SA 3.0 de

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