Melancholie und Eisenbahn

In Berlin sollte man nicht nur ins Pergamon-Museum gehen und in die anderen sehenswerten Museen auf der Museumsinsel. Ich empfehle einmal den Besuch im kleineren Bröhan-Museum an der Schlossstraße 1a, fast direkt gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Das Bröhan-Museum hat sich auf Jugendstil und Art Deco spezialisiert, es werden Möbel und Alltagsgegenstände von der Stehlampe bis zur Kaffeekanne gezeigt und es gibt eine eigene faszinierende Glasabteilung. Es ist nie überfüllt und auch nicht riesengroß.

Meistens gibt es zusätzlich eine Sonderausstellung zu einem Maler aus dieser Zeit, so derzeit noch bis Mitte April zu Hans Baluschek (1870-1935). Die Ausstellung umfasst etwa 40 Motive der Frühzeit des Künstlers. Er ist in Breslau geboren, studierte und lebte bis zu seinem Tode in Berlin-Schöneberg, zunächst in der Gotenstraße 4, dann Cheruskerstraße 5, bis er von der Stadt in den Ceciliengärten bis 1933 eine Atelierwohnung gestellt bekam. Sein Vater war Eisenbahner, daher vielleicht eine Vorliebe für dieses Sujet. Ein “Eisenbahnmaler” war er aber trotzdem nicht, im Mittelpunkt stehen meistens Menschen: Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose, auch mal eine Tänzerin wie auf dem Bild “Tingeltangel”. Leicht hatte er es nicht, wurde von Kaiser Wilhelm II. als “Rinnstein-Maler” bezeichnet und von den Nationalsozialisten schließlich als “entartet”.


Mich spricht der Realismus an, der sich wohltuend von der wilhelminischen Schwülstigkeit abhebt und das normale Leben zeigt. Es ist kein Fotorealismus, die Menschen finde ich typisiert, sie ähneln sich wie bei Zille oder auch Otto Dix. Es sind Menschen, denen man den Kampf gegen die Alltagsumstände ins Gesicht geschrieben sieht, Kampf ums Überleben, auch gegen die Natur. Es gibt viele Schneemotive: Fußgänger, die sich gegen den Winterwind behaupten, Eisenbahnen, die durch den Schnee pflügen.


Es sind keine fröhlichen Werke, ihnen ist eher eine Art Melancholie eigen. Die Technik wird nicht stilisiert, glorifiziert oder dämonisiert wie im Expressionismus; gerade die Eisenbahnmotive wirken fast tröstlich, die Technik hilft dem Menschen, fast schon gemütlich und modellbahnhaft, weihnachtlich, wie im “Großstadtbahnhof” von 1904 (Beitragsbild).

Der langweilige Berliner “Baluschek-Park” an der S-Bahnlinie zwischen Priesterweg und Südkreuz wird dem Maler nicht gerade gerecht (Foto vom Mai 2012).

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